Erfahrungsbericht
Deutsch-Französische Juristenvereinigung
Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte
Anwaltspraktikum
bei Maître Bermond-Audinet, Aix-en-Provence 2000
von Birte Gabriel, Münster
1) Die Idee zu diesem Praktikum
Die ersten vier Semester meines Studiums verbrachte ich an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Dort besteht die Möglichkeit im Rahmen eines Doppelstudiums des deutschen und des französischen Rechts nach 2 Jahren das DEUG (Diplome d’Études Universitaires Générales) – mention droit zu absolvieren. Um die während dieses Studiums erlangten theoretischen Kenntnisse des französischen Rechts aufzufrischen und praktisch anzuwenden und um die Tätigkeit eines Rechtsanwalts kennenzulernen, bemühte ich mich um einen Praktikumsplatz in einer französischen Anwaltskanzlei. Nicht zu letzt reizte mich auch die Aussicht, einmal eine längere Zeit in dem Land zu leben, dessen Sprache und Mentalität mich schon seit der Schulzeit faszinieren und das meiner Meinung nach immer eine Reise wert ist.
2) Die VorbereitungFür die Suche nach Adressen französischer Kanzleien nutzte ich zunächst das Internet. Gibt man dort „barreau“ als Suchbegriff ein, erhält man einige Adressen, teilweise auch mit Angaben zu Tätigkeitsschwerpunkten und Spezialisierungen. Während dieser Internetrecherchen stieß ich u.a. auch auf die Deutsch-Französische Juristenvereinigung. Von ihr sowie von der Bundesrechtsanwaltskammer ließ ich mir Adresslisten zuschicken. Noch bevor ich diese ausgewertet hatte, berichtete ein Kommilitone im Rahmen einer Vorlesung der Fachspezifischen Fremdsprachenausbildung in Münster von seinem Praktikum in der auf Wirtschafts-, Personen- und Sozialrecht spezialisierten Kanzlei von Maître Bermond-Audinet in Aix-en-Provence (6, cours Mirabeau, F-13100 Aix-en-Provence). Da Aix-en-Provence zu meinen favorisierten Praktikumsorten zählte, bewarb ich mich dort kurzerhand Mitte Januar diesen Jahres. Ich hatte Glück: 1 Woche später hielt ich die Zusage in den Händen! Von weiteren Bewerbungen nahm ich daher Abstand und begann langsam, mich um eine Unterkunft zu kümmern.
Ich ließ mir vom Office du Tourisme (2, Place du Général de Gaulle, F-13100 Aix-en-Provence, infos@aixenprovencetourism.com) die wöchentlich erscheinende Liste von Wohnungsangeboten zuschicken. Wie ich daraufhin feststellen musste, sind Zimmer in Aix ganz schön teuer (ca. 2700 F pro Monat). Von der billigeren Möglichkeit, in einem Studentenwohnheim unterzukommen, wollte ich aber keinen Gebrauch machen, da die Wohnheime weiter außerhalb liegen und meistens keinen guten Ruf genießen. Dennoch fand ich schließlich über eine ehemalige Kommilitonin aus Saarbrücken, die inzwischen in Aix studiert, eine relativ günstige, schöne Unterkunft mitten im Zentrum und nur 5 Gehminuten von der Kanzlei entfernt.
Nachdem sich das Problem der Unterkunft geklärt hatte, habe ich mich im Reisebüro nach Flug-, Zug- und Busverbindungen erkundigt. Ich wählte schließlich die billigste Reisemöglichkeit und fuhr mit dem Reisebus der Deutschen Touring GmbH (Eurolines) von Essen nach Marseille, von dort mit dem Bus weiter nach Aix. Die Reisebusse waren modern und recht komfortabel, doch war ich nach einer Fahrt von 20 Stunden mehr als froh, endlich aussteigen zu können. Glücklicherweise fuhren die Busse auch an meinem Rückreisetag, der mitten in die heiße Phase der Tankstellenblockade und Benzinknappheit fiel.
3) Die DurchführungDie Kanzlei befindet sich im ersten Stock eines alten, prachtvollen Hauses am von Platanen gesäumten Cours Mirabeau. Am ersten Tag erschien ich, wie mit der Anwältin telefonisch abgesprochen, um 10 Uhr in der Kanzlei. Dort wurde ich von einer französischen Studentin, die in den Ferien ab und zu in der Kanzlei jobbte, empfangen. Sie wusste von meiner Ankunft nichts und erklärte mir, dass in dieser Woche wegen des Feiertags außer ihr und einer angestellten Uniabsolventin niemand da sei. Sie war jedoch sehr nett, zeigte mir meinen Arbeitsplatz und versorgte mich mit einer umfangreichen, familienrechtlichen Akte. Anhand dieser Akte konnte ich meine Kenntnisse im Familienrecht auffrischen. Zudem stellte ich bei der Bearbeitung dieser Akte fest, dass das Recht der prestation compensatoire (eine Art Ausgleichszahlung für den nach einer Scheidung benachteiligten Ehepartner) seit dem 30.6.2000 neu gefasst ist. Dies nahm ich folglich zum Anlass, mich anhand von Artikeln und Aufsätzen, die mir in der zweiten Praktikumswoche von der Anwältin zur Verfügung gestellt wurden, über die Änderungen zu informieren.
Ab der zweiten Woche wurde es dann in der Kanzlei etwas lebhafter: Maître Bermond-Audinet, ein deutscher Referendar aus München, der seine Wahlstation dort absolvierte, und die beiden Sekretärinnen waren wieder da. Die anderen zwei, auf dem Briefkopf genannten Anwältinnen arbeiten wegen Mutterschaftsurlaub bzw. Auslandsaufenthalts zur Zeit nicht in der Kanzlei. Zur Unterstützung von Maître Bermond-Audinet nahm am 1.9. eine neue Anwältin die Mitarbeit in der Kanzlei auf.
Ich teilte mir das Büro, das mit Kronleuchter, verschnörkeltem Spiegel, Malereien und antiken Möbeln an ein Museum erinnerte, an manchen Tagen mit dem Lebensgefährten der Anwältin. Dieser war kein Jurist, sondern kümmerte sich um Rechnungen, Bankgeschäfte etc. Dennoch war er sowohl für mich als auch für den deutschen Referendar der Hauptgesprächspartner in der Kanzlei. Die anderen Mitarbeiter waren doch häufig sehr beschäftigt und erwarteten von uns möglichst unabhängiges Arbeiten. Wie Maître Bermond-Audinet mir am Ende des Praktikums mitteilte, bedauert sie es, nicht mehr Zeit für ihre Praktikanten zur Verfügung zu haben. Sie möchte aber den Studenten nicht die Möglichkeit nehmen, in ihrer Kanzlei ein Praktikum abzuleisten und ist daher bereit, auch in Zukunft Praktikanten und Referendare aufzunehmen.
Meine Tätigkeit bestand daher zum überwiegenden Teil aus dem Lesen und Durcharbeiten von Akten zum Familien-, Arbeits-, Vollstreckungs- und Urheberrecht. Es war interessant, neue Rechtsgebiete sowie die Ähnlichkeiten und Unterschiede zum deutschen Recht kennenzulernen. Ab und zu recherchierte ich für die angehende Anwältin Urteile und Artikel zu bestimmten Fragestellungen, die sie für die Ausarbeitung der conclusions benötigte. Die Kanzlei verfügt über ein umfangreiches Zeitschriftenarchiv. Nichtsdestotrotz wäre manchmal auch eine Recherche in der Universitätsbibliothek von Vorteil gewesen, doch hatte diese wegen Bauarbeiten bis Mitte September geschlossen.
Da mich die Regelung des Ende letzten Jahres eingeführten Pacte civil de solidarité (PACS) in Anbetracht der in Deutschland diskutierten Einführung einer sogenannten „Homosexuellen-Ehe“ interessierte, stellte mir die angehende Anwältin hierzu umfassendes Informationsmaterial zur Verfügung. Der PACS ist ein Vertrag, der sowohl von hetero- als auch von homosexuellen Paaren vor dem Tribunal d’instance geschlossen werden kann und für diese gewisse Rechte und Pflichten z.B. im Bereich des Miet-, Steuer-, Sozial- und Arbeitsrechts begründet. Er wirkt sich jedoch nicht auf die Abstammungsregeln, das Adoptionsrecht und das elterliche Sorgerecht aus. Auch in Frankreich war die Einführung dieses Instituts nicht unumstritten und führte zu einer Anrufung des Conseil Constitutionnel, der das PACS-Gesetz schließlich (unter einigen Vorbehalten) für verfassungskonform erklärte.
Am beeindruckendsten waren die Gerichtsverhandlungen vor dem Tribunal de Grande Instance, zu denen mich Maître Bermond-Audinet mitnahm. So konnte ich mich selbst davon überzeugen, dass in Frankreich tatsächlich mehrere Verhandlungen für die gleiche Uhrzeit angesetzt werden und es daher teilweise zu langen Wartezeiten kommen kann. Von besonderem Interesse war für mich die Verhandlung einer Minderungsklage eines Ehepaares gegen den Grundstücksverkäufer, mit der ich mich ausführlich auseinandergesetzt hatte. Die Plädoyers der Anwälte dauerten jeweils über 30 Minuten, waren sehr detailliert und wiesen eine faszinierende Argumentation auf. Es war bemerkenswert, wie überzeugend Maître Bermond-Audinet nach dem Plädoyer des gegnerischen Anwalts dessen Behauptungen nach und nach zu widerlegen wusste. Nach dieser positiv verlaufenen Verhandlung lud Maître Bermond-Audinet eine Mitarbeiterin und mich in ein Café am prachtvollen Cours Mirabeau ein.
Meine Arbeitszeit war in der Regel von 10 bis 17 Uhr mit einer 2stündigen Mittagspause. An manchen Tagen blieb ich auch schon mal bis 18 Uhr, an anderen Tagen konnte ich auch schon früher gehen.
4) Das Leben in AixAix-en-Provence hat ca. 150.000 Einwohner und einen studentischen Flair. Die Altstadt von Aix-en-Provence ist von Adelspalästen und Bürgerhäusern aus dem 17./18.Jahrhundert, Springbrunnen, kleinen Gassen, großen Plätzen mit gemütlichen Cafés, vielen unterschiedlichen Geschäften und dem Pracht-Boulevard Cours Mirabeau geprägt. Aix verfügt über umfangreiche, abwechslungsreiche Freizeitangebote: Kinos (teilweise werden die Filme in der Originalversion mit Untertiteln gezeigt), Theateraufführungen, Straßenkünstler, Festivals, Bauern-, Trödel- und Antikmärkte, Freibäder (gewöhungsbedürftig ist, dass in den städtischen Bädern das Tragen einer Badekappe obligatorisch ist..), Museen, Galerien, Internetcafés, Kneipen, Discos usw. Billig ist das Leben in Aix allerdings nicht.
Abwechslung bietet auch die Umgebung von Aix mit den beeindruckenden Gebirgsketten des Lubéron und der Haute-Provence, den Ockerbrüchen von Roussillon, dem Klippendorf Gordes, der Metropole Marseille, dem malerischen Ort Cassis und den Badebuchten der Calanques. Da ich in Aix über kein Auto verfügte, war ich auf die teilweise recht dürftigen oder teuren Bus- und Zugverbindungen angewiesen oder buchte beim Office de Tourisme einen Ausflug. Jeder dieser Ausflüge hat sich jedoch wirklich gelohnt. Es gibt wahnsinnig viel zu entdecken.
Nützliche und zahlreiche Informationen (u.a. zu billigen Einkaufsmöglichkeiten) erhält der Stadtführer „Petit Futé“, der in den Buchhandlungen von Aix für 30 F zu haben ist.
In der letzten Woche meines Praktikums bekam ich die berühmt-berüchtigte Streikleidenschaft der Franzosen zu spüren: LKW- und Taxifahrer blockierten die Raffinerien und Tankstellen und legten den Verkehr in Aix an einem Tag zeitweise sogar ganz lahm. Die Bevölkerung nahm die Blockaden recht gelassen hin und reihte sich in die Warteschlangen vor den noch geöffneten Tankstellen ein.
Auch wenn ich teilweise gerne mehr für die Anwältin nützliche Arbeiten erledigt hätte, war das Praktikum lehrreich, interessant und insgesamt eine schöne Erfahrung. Natürlich hat auch die tolle Umgebung, das traumhafte Wetter und das „savoir vivre“ der Franzosen dazu beigetragen, den Aufenthalt in Aix zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. Ich kann jedem, der mit der Idee eines Auslandspraktikums spielt, nur empfehlen, diese zu verwirklichen. Ein derartiges Praktikum bietet die Möglichkeit, einmal über den Tellerrand des deutschen Rechts hinauszublicken und eine Menge gewinnbringender Erfahrungen - nicht nur in juristischer Hinsicht - mit nach Hause zu nehmen.
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