Erfahrungsbericht

Deutsch-Französische Juristenvereinigung


Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte

 

Praktikum am Tribunal de Grande Instance de Bordeaux 1997

von Fabian Biller

 

Praktikumssuche

Ich habe mein drittes Studienjahr als ERASMUS bzw. SOKRATES-Student an der Universität von Bordeaux IV verbracht. Dabei habe ich eine, mir als deutschem Jurastudent, völlig unbekannte Art zu studieren kennengelernt. Ich fühlte mich durch das französische Unisystem unangenehm an einen deutschen Schulunterricht erinnert. Besonders wert gelegt wurde während des "Unterrichts" in meinen Augen auf eine extrem gute Kenntnis der Rechtsprechung. Und dies hat bei mir das Interesse geweckt, den wirklichen Betrieb an einem französischen Gericht zu sehen. Nun gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten. Entweder man begleitet einen Anwalt zu seinen Gerichtsterminen oder man findet sich auf der anderen Seite, also bei der Staatsanwaltschaft oder am Richterstuhl, wieder. Zunächst hatte ich keinerlei Vorzüge. Ich habe mir also bei der Anwaltskammer eine Liste von Anwälten geben lassen, die gewöhnlicherweise Praktikumsstellen anbieten. Dort habe ich mich dann telephonisch informiert und später gegebenenfalls schriftlich beworben. Allerdings hat sich sehr schnell herausgestellt, daß die sehr viel effektivere Methode war, gleich mit einem Lebenslauf und sonstigen Zeugnisen bewaffnet persönlich vorstellig zu werden. Denn viele Sekrtärinnen hatten die Unart, mich mit den unterschiedlichsten Begründungen am Telephon erst einmal abzuwimmeln. Im Gegensatz dazu haben sich die Anwälte persönlich sehr aufgeschlossen und interessiert gezeigt, wenn man erst einmal bei ihnen im Büro stand. Im Endeffekt bin ich bei meiner Suche auf keinen größeren Schwierigkeiten gestoßen. Im Gegenteil. Wenn ein Anwalt mir keine Praktikumsstelle bieten konnte, hat er mich häufig an eine befreundete Kanzlei weiterverwiesen und oft sogar telephonisch den ersten Kontakt hergestellt. Von dieser Hilfsbereitschaft war ich sehr angenehm überrascht. Einen Platz bei einem Anwalt zu finden, war also ohne weiteres möglich.

Gleichzeitig hatte ich mich allerdings auch am Gericht selber beworben. Dort gibt es einen Richter, der für die Praktikumsbetreuung zuständig ist. Er wollte von mir einen Lebenslauf, ein Motivationsschreiben und sonstige Praktikumsnachweise sehen. Vor allem interessierte es ihn, wieso ich als deutscher Jurastudent gerade an einem französischen Gericht ein Praktikum machen wollte. All diese Unterlagen habe ich ihm zugesandt. Danach habe ich dann zwei Wochen vergeblich auf eine Antwort gewartet. Auf meine telephonische Nachfragen hin, wurde ich immer auf einen späteren Termin vertröstet. Also habe ich wieder auf die altbewährte Taktik der persönlichen Besuche zurückgegriffen und hatte prompt eine Woche später die Zusage für ein zweimonatiges Praktikum in der Tasche. Die einzige Schwierigkeit ergab sich für mich dadurch, daß ich nicht wußte, bis zu welchem genauen Tag ich meine Prüfungen an der Universiät beendet hätte. Doch in diesem Punkt hat sich der Richter ganz flexibel gezeigt. Er meinte, ich solle doch einfach nach meiner letzten Prüfung vorbeischauen. Er hat mir nur in Erinnerung gerufen, daß Anfang/Mitte Juli die Gerichtsferien beginnen wuerden und dann nur noch die strafrechtlichen Affären behandelt würden. Ich hatte an der Universität glücklicherweise die Möglichkeit, meine Prüfung alle auf Ende Mai zu legen und konnte somit schon Anfang Juni mein Praktikum beginnen.

Praktikum

Das Praktikum selber ließ sich in drei Phasen einteilen.

1. Phase: Beginn

Zu Beginn hat mich der Praktikumsbeauftragte vor allem mit in seine eigenen Sitzungen genommen. Ich durfte neben dem Gericht und bei Strafverfahren neben dem Staatsanwalt Platz nehmen und von dort aus dem Prozeß folgen. Vor und nach der Sitzung durfte ich dann Fragen stellen und zwar an Staatsanwaltschaft und Richter. Doch zuerst habe ich eher die ganze Atmosphäre auf mich wirken lassen. Ich muß jetzt gestehen, daß ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Gerichtssaal und deswegen ziemlich beeindruckt war. Die Angeklagten werden von schwerbewaffneten Gerichtsdienern (zumindest in den Strafkammern) in einer langen Reihe aneinandergekettet bei Sitzungsbeginn in eine Art Abstellkammer geführt und von dort dann aufgerufen. Und auch während der Verhandlung sind die einzelnen Personen von mehreren Wächtern umringt. Dazu kam, daß mich die Richter über unser Studien- und Rechtssystem mit Fragen bombardiert haben. So blieb mir schon deswegen häufig gar keine Zeit mehr, selber Erläuterungen zu verlangen.

Gegen Ende der ersten Woche hat mein Verantwortlicher begonnen, mich in andere Kammern, d.h. zu anderen Richtern, zu schicken. - An dieser Stelle sollte ich vielleicht anmerken, daß am Tribunal de Grande Instance sowohl Strafrechts- als auch Zivilrechtskammern existieren, es also eine ganz schon große Anzahl Kammern mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen gibt. Damit war für ausreichend Abwechslung während meines Praktikums gesorgt. - Leider befanden wir uns in der Phase vor den Gerichtsferien. Da die Richter und Anwälte möglichst viele Fälle noch vor ihrem Urlaub abwickeln wollten, waren die Sitzungen alle extrem lang und ermüdend. Und danach waren die Richter dann nicht mehr allzu mitteilungsfreudig. Auch hatte ich das Gefuehl, daß sie noch nicht so richtig Zutrauen zu mir gefaßt hatten. Es war also eine eher ernüchternde Erfahrung. Meine Begeisterung für das Praktikum hielt sich zum damaligen Zeitpunkt in Grenzen. Dies hat sich dann allerdings schlagartig Ende der zweiten Praktikumswoche geändert.

2. Phase

In der zweiten Woche des Praktikums ist der für mich zuständige Richter krank geworden. Mit anderen Worten gesagt, war ich jetzt gezwungen, die Organisation selber in die Hand zu nehmen. Ich habe also die Tour durch mehr oder weniger alle Richterbüros gemacht, mich nach Sitzungsterminen und nach deren Inhalt erkundigt. Dadurch habe ich die Bekanntschaft mit fast allen Richtern des Gerichts gemacht und ihnen gleichzeitig mein Interesse gezeigt. Und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die Richter habe mich eingeladen, schon vor Verhandlungsbeginn bei ihnen vorbeizuschauen, um mit ihnen zusammen die Akten durchzusehen. Dort haben sie mir dann alle Fälle erklärt, auf die jeweiligen Schwierigkeiten hingewiesen und oft auch ihr persönliche Meinung geäußert. Und wenn ich zufällig einem auf dem Gang begegnet bin, hat er mich in seine künftigen Sitzungen eingeladen, die er für interessant für mich hielt.

Während der Gerichtsverhandlung selbst befand ich mich wie bereits gesagt immer neben dem Gericht. Nur an der Beratung der Richter selbst konnte ich leider nicht teilnehmen. Ich war nämlich nicht vereidigt. Aber die Zeit habe ich genutzt, um mit den Staatsanwälten in Strafrechtskammern und in Zivilrechtskammern mit den Anwälten zu diskutieren, die mir bereitwillig Auskunft gegeben haben, nachdem sie mich inzwischen ja auch schon vom Sehen her kannten.

3. Phase

Hier fielen 2 Ereignisse zusammen. Der Beginn der Gerichtsferien und die Rückkehr des Praktikumsbeauftragten. Dieser hatte mich vor den Gerichtsferien gewarnt, denn dort ist an den Gerichten bekanntlich nicht allzuviel los. Doch wie immer hat die Medaille auch eine Kehrseite. Da weniger Verhandlungen sind, haben sowohl die Richter, als auch die Staatsanwälte und die Anwälte mehr Zeit. Vor allem mein Betreuer hat sich als sehr redselig und diskussionsbereit erwiesen. In dieser Zeit habe ich ungeheuer viel über die Gründe gelernt, die die Richter dazu bewegen, ihre Urteile zu fällen. Aber auch über ihre persönliche Motivation, ihren Beruf auszuüben, über ihre politische Einstellung, ihre Meinung zur immer weiter fortschreitenden "Europäisierung" des Rechts oder ihre Gedanken, wie oder was man am Rechtssystem verbessern könnte.

Als besonderes "Schmankerl" durfte ich habe dann gegen Ende zwei Tage bei einem Verein verbringen, der von den Magistraten, also Staatsanwälten und Richtern, gegründet worden ist, und sich die Resozialisierung und Betreuung von Straftätern noch vor ihrer eigentlichen Gerichtsverhandlung zum Ziel gesetzt hat. Es war ungeheuer interessant, mit den Psychologen, Erziehern und Betreuern zu reden und deren Blickwinkel auf das Justizsystem kennenzulernen.

Resümee

Dadurch, daß ich in den verschiedenen Kammern des Gerichts vorbeischauen konnte, habe ich ein sehr abwechslungsreiches Praktikum verbracht. Auch, daß ich mich während meines Studiums in Frankreich eigentlich nur mit französischem Verwaltungs- und internationalem Recht und nicht mit französischem Zivil- bzw. Strafrecht beschäftigt habe, hat sich in keiner Weise negativ ausgewirkt. Denn die Richter sind ausführlich auf alle meine Fragen eingegangen und haben sich die Mühe gemacht, mir ein Problem so lange zu erläutern, bis auch ich es verstanden hatte. Was ich besonders hervorheben möchte, ist der Kontakt, den ich sowohl zu den Staatsanwälten als auch den Anwälten aufbauen konnte, der es mir ermöglicht hat, die verschiedenen Perspektiven und Aspekte einer Gerichtsverhandlung kennenzulernen. Schade, aber zu erwarten, war eigentlich nur, daß sich meine eigene Tätigkeit auf Aktenlesen und Zuhören beschränkt war. Und dennoch habe ich, meiner Meinung nach, einen interessanten und auch guten Einblick in die Tätigkeit eines französischen Richters und in das "Leben" am Palais de Justice de Bordeaux gewonnen.

Adressen

Unter dieser Adresse finden sich sowohl das Tribunal de Grande Instance de Bordeaux mit seinem Directeur de centre de stage als auch die Chambre des Avocats, an die man sich wegen Anwaltsadressen wenden kann

Wohnungs- oder Zimmerangebote findet man bei:

Zimmer und Wohnungen kann man ab ungefähr 900 ff pro Monat bekommen. Wohnheime sind natürlich günstiger, liegen aber meistens auf dem Campus außerhalb der Stadt und sind in den Semesterferien mit dem Bus nur schwer zu erreichen.


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