Erfahrungsbericht
Deutsch-Französische Juristenvereinigung
Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte
Anwaltspraktikum in Caen - März 1999
von Jutta Krah, Würzburg Da die Wirkungen der Gesetze stets auf das Hoheitsgebiet eines Staates beschränkt sind, das Handeln der Rechtssubjekte aber - gerade auch im Hinblick auf Europa - keinesfalls an den nationalen Landesgrenzen endet, erscheint es sinnvoll, sich mit dem ausländischen Recht auseinanderzusetzen. Dem entsprechen auch die immer vielfältiger werdenden Möglichkeiten, sich im Rahmen des juristischen Studiums an der Universität mit ausländischem Recht zu beschäftigen. Die Entscheidung eines meiner Pflichtpraktika im Ausland zu absolvieren, traf ich letztlich auch aufgrund der Belegung der Wahlfachgruppe 3 gem. § 5 Abs. 3 JAPO (Internationales Privatrecht, Internationales Verfahrensrecht und Rechtsvergleichung).
I. Vorbereitung
1. Praktikumstelle und Unterkunft
Caen als Praktikumstadt ergab sich für mich in erster Linie durch die Städtepartnerschaft mit Würzburg, wodurch auch Kontakte zwischen den beiden Universitäten bestehen. In diesem Rahmen nahm ich im April 1998 an einem einwöchigen deutsch-französischen Seminar teil, welches abwechselnd in Caen und Würzburg stattfindet. Dieser Kontakt ermöglichte es mir Adressen von Anwälten in Erfahrung zu bringen, die grundsätzlich zur Aufnahme von Studenten bereit sind.
Caen hat ca. 115.000 Einwohner (27.000 Studenten) und ist Hauptstadt der Region Basse-Normandie und des Départements Calvados. Durch die zentrale Lage in der Normandie und die doch überschaubaren Größenverhältnisse, die eine Kontaktaufnahme gerade bei einem kürzeren Auslandsaufenthalt wesentlich erleichtern, schien mir die Stadt für ein vierwöchiges Praktikum geeignet.
Nach erfolgreicher schriftlicher Bewerbung habe ich für mein Anwaltspraktikum schon relativ früh - bereits im Mai 1998 - eine schriftliche Zusage von Mme Haupais erhalten. Die Gemeinschaftskanzlei umfaßt gegenwärtig drei Anwälte und ist Mitglied der Vereinigungen Interjuris und Eurojuris. Erst später erfuhr ich von der Möglichkeit, durch die Deutsch-Französische Juristenvereinigung finanzielle Unterstützung in Form eines Stipendiums zu erhalten. Dies auch dann, wenn man sich selbständig eine Praktikumstelle sucht.
Ein Tip für die ebenfalls private Suche eines Praktikumsplatzes ist die Kontaktaufnahme mit dem Erasmusbüro der Universität, da hier des öfteren auch für ausländische Studenten Praktika vermittelt werden. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Europäische Studentenvereinigung (Europien law student association, Elsa) hinzuweisen. Gegenwärtig existieren 5 Elsa-Vereinigungen in Frankreich (Aix-en-Provence, Strasbourg, Lyon, Caen, Toulouse), wobei Elsa-Caen als Neuling erst seit wenigen Monaten existiert und die Gründungsmitglieder großes Engagement zeigen.
Durch die Kontaktaufnahme mit Elsa-Caen (Université de Caen - Faculté de droit, Esplanade de la paix, 14000 Caen / Mel: elsa_caen@hotmail.com; gegenwärtiger Präsident ist M. Lecot) erhielt ich letzlich auch die Möglichkeit, privat zur Zwischenmiete unterzukommen. So hatte ich allabendlich einen schönen Blick auf die beleuchteten Klostergebäude der Abbaye aux Dames, was sicherlich eine sehr gute Alternative zu den doch recht engen Wohnheimverhältnissen darstellte. Im übrigen bin ich nicht sicher, ob man dort überhaupt für diesen kurzen Zeitraum eine Unterkunft bekommen könnte.
2. Fachliche Vorbereitung/Literaturhinweise
Zur fachlichen Vorbereitung kann ich im wesentlichen die "Einführung in das französische Recht" von Ulrich Hübner und Vlad Constantinesco aus der JuS-Schriftenreihe empfehlen, was mir auch während meines Praktikums gerade im zivilrechtlichen Bereich einige Erleichterungen brachte, da zum einen sehr oft vergleichend die Unterschiede der beiden Rechtssysteme herausgearbeitet werden und zum anderen auch die französische Fachterminologie eingearbeitet ist. Weiterhin ist an französischer Literatur das Buch von Nicole Guimezanes "introduction au droit français" aus dem Nomosverlag zu empfehlen. Das französische Fachvokabular ist sehr gut unter dem Titel "les 200 mots-clés de la Justice" in einer kostenlosen Broschüre des "ministère de la Justice" zusammengefaßt. Die Broschüre ist vor Ort an allen Gerichten und unter www.justice.gouv.fr. im Internet erhältlich. Wer darüber hinaus Informationen wünscht, der sei auf "les mots-clés du droit" von Jean-Luc Debru und Jean-Paul Duchateau (Index bilingue) verwiesen.
II. Praktikum
1. Allgemeines
Meine Arbeitszeit begann regelmäßig zwischen 8 und 9 Uhr und endete meist gegen 19 Uhr. Die Mittagspause konnte ich oft dazu nutzen mit anderen französischen Stundenten in der Mensa der Universität zu essen, wodurch ich auch näheres über die Juristenausbildung in Frankreich erfuhr. In Anbetracht der erhöhten Lebenshaltungskosten bildete die Mensa natürlich auch eine preisgünstige Alternative.
2. Aufgabenbereich
Meine Praktikantentätigkeit erfaßte schwerpunktmäßig die Begleitung der Anwälte zu Gerichtsverhandlungen. Eine gute Vorbereitung war hierbei das vorherige Lesen der "dossiers" und "plaedoyers", die bei den Verhandlungen einen zentrale Rolle einnehmen.
Im Verlauf der vier Wochen hatte ich die Möglichkeit, an Verhandlungen teilzunehmen und die verschiedenen Instanzen (TI, TGI, Cour d’appel) und vor allem auch die Spezialgerichtsbarkeiten (le tribunal pour enfants, le conseil des prud’hommes etc.) kennenzulernen. Ferner konnte ich an einer mehrtägigen Verhandlung vor dem Cour d’assises, dem Schwurgericht teilnehmen. Außerdem wohnte ich der wöchentlichen Kanzleibesprechung, Mandantengesprächen und Treffen zur Gutachtenerstellung bei.
Inhaltlich läßt sich mein Anwaltspraktikum in drei wesentliche Bereiche aufspalten: Zu Beginn meines Praktikums beschäftigte ich mich in erster Linie mit der Gerichtsorganisation (l’institution judiciaire) ; dies war interessant und hilfreich, insbesondere im Hinblick auf die Unterschiede im strafrechtlichen Bereich zur deutschen Gerichtsbarkeit. Im weiteren Verlauf versuchte ich dann einen Überblick über den Aufbau des Code Civil und die wesentliche Unterschiede gerade im Verhältnis zur allgemeinen Vertragslehre des deutschen Rechts zu bekommen. In der letzten Woche beschäftigte ich mich ferner mit der anstehenden und gegenwärtig stark diskutierten Reform des französischen Familienrechts.
III. Praktische Reisetips
Da unter der Woche der Tagesablauf durch den Kanzleialltag bestimmt war, nutzte ich die Wochenenden, um die Normandie zu entdecken.
Am geeignetsten sind hierbei Erkundungstouren mit dem Auto, weil man so unabhängig ist und individuellen Bedürfnissen besser genügen kann. Wer sich auf die Städte wie Rouen, Bayeux, Lisieux beschränken will, kann sicherlich auch auf das Auto verzichten. Allerdings kann ich rückblickend nur raten, die durch einen Leihwagen möglicherweise erhöhten Kosten auf sich zu nehmen, denn die Normandie bietet sehr reizvolle Landschaften und traumhafte Küstenabschnitte, in deren Genuß man sonst nicht käme.
In diesem Zusammenhang möchte ich deshalb auf eine französische Besonderheit hinweisen: Beim Mieten von Leihwägen werden als Garantie nur Visa und Mastercarte akzeptiert. Teilweise wird sogar zur Voraussetzung gemacht, daß der Sicherheitsgeber auch Fahrer des Leihwagens ist. Ebenfalls sollte man vorher eingehend die einzelnen Angebote genau prüfen und die Anbieter vegleichen, da große Preisunterschiede festzustellen sind. Empfehlenswert ist ein relativ preiswerter Autoverleih am Campus, der regelmäßig auch von den Erasmusstudenten genutzt wird.
Wenn auch das Wetter im März in der Normandie grundsätzlich wechselhaft ist, so hatte ich das große Glück, zumindest meine Wochenendtouren ausschließlich bei sommerlichen Temperaturen zu unternehmen. Da die Interessen bei jedem einzelnen sehr verschieden sind, möchte ich hier nur kurz auf besonders empfehlenswerte Ausflugsziele hinweisen. Hierzu gehören sicherlich der Mont St.-Michel, die Cotentin-Halbinsel, insbesondere die Küstenstrecke zwischen Cherbourg und Cap de la Hague, Étretat und die eindrucksvolle Ruine Jumièges im Vallée de la Seine.
Geschichtsunterricht an Originalschauplätzen bietet insbesondere die Küste durch ihre herausragende Bedeutung im 2. Weltkrieg. Auf einen Besuch des Mémorial de la Bataille de Normandie in Caen sollte dabei ebenfalls nicht verzichtet werden. Durch die didaktische Konzeption und die weitreichende Darstellung grenzt es sich wesentlich von anderen Museen ab.
Wer ebenfalls im März in Caen ist, sollte sich den Carneval d’étudiants nicht entgehen lassen. Dieser wurde vor vier Jahren in Caen begründet und ist für die Studenten wochenlang Thema Nummer 1. Während vormittags der Campus Kopf steht, ziehen die Studenten nachmittags in einem Festzug durch die Straßen. An diesem Spektakel nahmen in diesem Jahr 4000 Studenten teil.
Speziell für Würzburger Studenten und Einwohner sei abschließend noch der Hinweis gegeben, daß aufgrund der Städtepartnerschaft die Möglichkeit besteht, mit einer sog. Willkommenskarte Ermäßigungen bei Museen und beim Stadtbus zu erhalten.
IV. Resümee
Rückblickend kann ich nur noch einmal betonen, daß dieses Auslandspraktikum für mich eine sehr wertvolle Erfahrung war. Die anfänglichen Zweifel darüber, ob es möglicherweise falsch sei, kurz vor dem Examen im 7. Semester noch ein Auslandspraktikum zu absolvieren, wurden bereits nach den ersten Tagen in Caen entkräftet.
Durch die Arbeit in der Kanzlei konnte ich sehr wichtige Kenntnisse sammeln, die es mir ermöglichten, durch den Vergleich der beiden Rechtsordnungen auch einmal das deutsche Recht aus einer gewissen Distanz zu betrachten und einiges kritisch zu hinterfragen. Für den Vergleich ist sicherlich von Vorteil, daß man sich bereits einige Semester mit dem deutschen Recht auseinandergesetzt hat.
Klar werden sollte man sich jedoch auch darüber, daß es nicht möglich ist, innerhalb von wenigen Wochen ein Studium des französischen Rechts zu bestreiten. Empfehlenswert ist es, sich entweder einen Teilbereich herauszusuchen und diesen einer detaillierten Prüfung zu unterziehen oder sich auf allgemeinerer Ebene mit den verschiedenen Rechtsgebieten zu beschäftigen, so daß man letztlich einen kleinen Gesamteindruck gewinnt.
Meine Erfahrung bei diesem Praktikum war auch, daß man sich relativ schnell mit dem französischen Fachvokabular vertraut machen kann, was sicherlich auch eine gute Basis für ein Studium an einer französischen Universität darstellt.
Das positive Gelingen habe ich letztlich auch den mich betreuenden Anwälten zu verdanken, die sich immer wieder bereit erklärten, Verständnis- und Fachfragen zu beantworten. Darüber hinaus erhielt ich immer wieder wertvolle Tips für Besichtigungen und kulturelle Attraktionen in und um Caen. Die Bemühungen der Anwälte und die angenehme Arbeitsatmosphäre übertrafen meine vorherigen Erwartungen. Auch bei den Gerichtsverhandlungen, besonders wenn sie im vertrauten Kreis eines « chambre du conseil » stattfanden, wurde ich als « stagiaire allemande » des öfteren mit großem Interesse zu meinem Praktikum und meinem Studium in Deutschland befragt.
Sowohl bei meinem Praktikum als auch im Alltag, habe ich in diesen Wochen die Hilfsbereitschaft der Franzosen sehr zu schätzen gelernt. Auch wenn die Franzosen wegen der Hervorhebung ihrer eigenen Sprache von deutscher Seite oftmals belächelt werden, konnte ich hier im Gegenzug genießen, daß eigene Bemühungen sehr wohlwollend bewertet wurden und ich gerade in der Anfangszeit sehr viel Unterstützung erhielt.
Aufgrund meiner vielseitigen Erfahrungen in diesem Monat kann ich nur jedem, der sich mit dem Gedanken beschäftigt, ein Auslandspraktikum zu absolvieren, raten, diese Idee weiter zu verfolgen und zu realisieren. Die Unterstützung durch die Deutsch-Französische Juristenvereinigung trägt ferner dazu bei, Finanzierungsmöglichkeiten bewältigen zu können, wofür ich mich in diesem Rahmen auch noch einmal sehr herzlich bedanken will.
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