Erfahrungsbericht
Deutsch-Französische Juristenvereinigung
Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte
Praktikum
bei Cabinet Me Blagny, Dijon 2001 von Béatrice Linn, Mainz
1. Praktikumsstelle :
Cabinet Me Blagny2. Haus Rheinland-Pfalz
7, rue Hernoux
21000 Dijon„Hallo, mein Name ist Béatrice. Ich studiere im 3. Semester Jura in Mainz. Zur Zeit mache ich ein vierwöchiges Praktikum bei einem Anwalt hier in Dijon...“
Ähnlich klang bei den meisten jungen Praktikanten die kurze Vorstellung. Wir waren auf Einladung von Bernhard Altheim im Haus Rheinland-Pfalz zusammengekommen, um bei einem Aperitif uns gegenseitig kennenzulernen und bisherige Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen. Herr Altheim ist der Ansprechpartner des Hauses Rheinland-Pfalz für uns gewesen. In Zusammenarbeit mit seinen Kollegen im „Maison de Bourgogne“ in Mainz hat er uns an die Praktikumstellen in Dijon vermittelt. Durch diese Einrichtung hatte ich auch zum ersten Mal von der Möglichkeit eines Stipendiums vom DFJW zur Unterstützung eines Praktikums in Frankreich erfahren.
Herr Altheim zeigte sich auch bei Problemen als hilfsbereit und erkundigte sich sogar persönlich bei jedem Praktikanten nach dessen Wohlbefinden. Nur gegen eine gewisse Dickköpfigkeit bei der Crous (Centre régional des oeuvres universitaires sociales) schien er machtlos. Es war uns z.B. völlig unverständlich, wieso Praktikanten trotz deutsch-französischem Sozialausweis mehr Miete bezahlen müssen als französische Studenten. Obwohl gerade durch diesen eine Gleichbehandlung garantiert werden sollte und wir uns aus diesem Grund vor dem Reiseantritt extra bemüht hatten einen Ausweis zu erhalten.
3. Unterbringung
Auch unsere geplante Unterbringung in einem Wohnheim in der Stadt entsprach nicht den Vorstellungen der Mitarbeiter der Crous. Also mussten wir uns mit Wohnheimen auf dem Campus zufrieden geben. In diesen ließ der „Komfort“ stark zu wünschen übrig. Die Zimmer lassen sich mit äußerst durchgelegenen Betten und einem Waschbecken eher als spartanisch beschreiben. Anfangs war es uns fast unmöglich auf den alten, weichen Matratzen zu schlafen. Für ein paar Tage haben einige es vorgezogen, mit der Matratze auf dem Fußboden zu schlafen. Da dies der Hausmeisterin nicht gefiel, gab sie uns eine breite Holzplatte, die wir zur Festigung der Matratze unter diese legen konnten. Weiter gab es im Zimmer einen Schreibtisch, eine Kommode, zwei Stühle, eine Jalousie und einen Schrank. Die Möbel waren aus einem kalten Metall.
Die sanitären Anlagen, Duschen und Toiletten, befanden sich auf dem Gang, ebenso wie eine Küche. Nur war in dieser bei zwei Herdplatten für ungefähr zwanzig Mitbewohnern nur das Aufwärmen von Wasser erlaubt. Das Kochen war untersagt. Somit war man regelmäßig gezwungen, mittags und gelegentlich auch abends in der Mensa für Studenten zu essen. Eine befand sich direkt gegenüber des Wohnheims. Eine andere war auch sehr gut zu erreichen, da sie mitten in der Stadt lag. Oft traf man dort auch auf Geschäftsleute und andere Nicht-Studenten. Grund dafür war wohl, dass das Essen dort ganz gut schmeckt und preiswert ist (eine Mahlzeit kostet zwischen 15 FF und 20 FF). So fielen die Mängel, wie die Tatsache, dass es keinerlei Kühlschrank im ganzen Wohnheim gab und die Universität sich weigerte, die Heizung anzustellen, gar nicht mehr so stark auf.
Außerdem habe ich mich trotz kalten Zimmern abends oft gefreut, mich mit den Zimmernachbarn im Wohnheim zusammen setzen zu können und uns unterhalten zu können. Einige waren aus Mainz und studieren Jura. Die dortige Französischdozentin des Fachbereichs Jura hatte eben viel Werbung für die Praktikumsmöglichkeit in Dijon gemacht. Leider haben wir unter deutschen Studenten auf diese Weise oft Deutsch gesprochen. Nur durch die französischen Mitbewohner waren wir gezwungen, Französisch zu sprechen.
Im Nachhinein denke ich, hätte ich die Unterbringung in einer französischen Familie vorgezogen, um mehr alltägliches Französisch zu sprechen. Auch andere Praktikanten hatten diesen Wunsch auf dem Abend im Haus Rheinland-Pfalz geäußert, sowie weitere Probleme angesprochen.
4. In der Kanzlei
Zur Zeit des Treffens der Praktikanten im Haus Rheinland-Pfalz hatte ich gerade ungefähr die Hälfte meines Praktikums (zwei Wochen) in einer Kanzlei in Dijon hinter mir. Sie lag mitten in der Innenstadt, versteckt in einer winzigen Straße. Von Außen wirkten die vergitterten Fenster im Erdgeschoss und das hohe Tor eher abweisend. Sobald sich diese allerdings öffneten, hatte man Zutritt auf einen wunderschönen, von alten, steinernen Gebäuden umgebenen Innenhof mit einem blühenden Garten. Über eine breite Treppe erreichte man die Kanzlei auf der ersten Etage, eine mit Holz verkleidete Bibliothek. Obwohl dort zwei Anwälte und ihre Sekretärinnen arbeiteten, herrschte eine ruhige Atmosphäre.
Me Blagny, der Anwalt bei dem ich an diesem Morgen mein Praktikum antrat, empfing mich gut gelaunt um 8.30 Uhr. Jeden Tag arbeitete ich nun von 8.30 Uhr bis 12.00 Uhr und von 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Nachdem er mir die Räumlichkeiten der Kanzlei gezeigt hatte und mich den Sekretärinnen vorgestellt hatte, machten wir uns bereits auf den Weg ins Gericht von Dijon (cité judiciaire). Noch oft hatte ich die Möglichkeit, bei Prozessen zuzuhören. Sogar bei den Versteigerungen von Immobilien vor Gericht durfte ich dabei sein. Bezüglich der Wahl meiner Aktivitäten ließ der Anwalt mir auch ziemlich viel Freiheit. Bei Absprache mit dem Anwalt konnte ich z.B. ohne ihn zum Strafgericht gehen.
Einige Male konnte ich ihn sogar zu Gerichten außerhalb von Dijon begleiten, wie Lyon oder Beaune. Dort hatte ich das Glück einer Verhandlung beizuwohnen auf der ein Experte für Urkundenüberprüfung Informationen für eine Expertise sammelte (mein Anwalt hatte in seiner 30jährigen Laufbahn nur vier Mal die Möglichkeit bei solch einer Verhandlung dabei zu sein). Mein Arbeitsalltag war also alles andere als eintönig.
Überrascht haben mich die Erzählungen der anderen Praktikanten. Oft saßen sie anscheinend untätig herum oder langweilten sich, da ihr Anwalt sich aufgrund von zuviel Arbeit nicht um sie kümmern konnte. In der Kanzlei von Me Blagny wurde ich regelmäßig gefragt, ob ich mitfahren wolle zum Gericht, ob ich bei Gesprächen mit Klienten zu hören wolle oder ich konnte einfach eine Akte durcharbeiten. Dies beschränkte sich meist auf das Durchlesen, Verstehen und Vokabeln raussuchen. In Jura war ich noch nicht weit genug fortgeschritten und das französische Recht war mir noch völlig unbekannt. Aber Fragen durfte ich jederzeit stellen, sowohl an den Anwalt als auch an die anderen Kollegen. An Praktikanten waren sie schon gewöhnt, da ich nicht die erste in dieser Kanzlei war. Von ihnen bin ich mit großer Herzlichkeit aufgenommen worden. Sie behandelten mich weniger wie eine Praktikantin , sondern wie eine langjährige Kollegin und unterhielten sich mit mir in den Kaffeepausen auch über Privates. Am letzten Tag gab es zum Abschied ein kleines, gemeinsames Frühstück mit Croissants.
Obwohl ich gerne in der Kanzlei mein Praktikum gemacht habe, denke ich, dass die Dauer von vier Wochen ausreichend ist. Nach einiger Zeit beginnen die Aktivitäten sich, trotz Vielseitigkeit, schon zu wiederholen. Wenn man nicht völlig ausgelastet ist oder sich selbst irgendwie zu beschäftigen weiß, riskiert man sich zu langweilen.
Zur Verbesserung der Sprachkenntnisse sind vier Wochen auch geeignet. Den ganzen Tag lang in der Kanzlei hörte und sprach ich nur Französisch. Schnell hatte ich mich in die Sprache eingehört. Selbst in der Rechtssprache traf man schon nach kurzer Zeit auf bekannte Wörter.
Die in Dijon erworbenen Kenntnisse werden mir hoffentlich als gute Basis für ein Studienjahr in Frankreich mit „Maîtrise“ als Abschluss dienen. Nach einem hier auffolgenden ersten Staatsexamen in Deutschland plane ich meine Ausbildung und Karriere in Frankreich fortzusetzen und dort zu leben.
5. Das Leben in Dijon
Die französische Kultur war mir vor dem Aufenthalt in Dijon größtenteils bekannt, denn meine Mutter ist Französin. Allerdings habe ich noch nie längere Zeit in Frankreich gelebt (außer im Urlaub natürlich). Durch das Praktikum hat sich mir ein angenehmer Einblick ins Alltagsleben und in die Arbeitswelt der Franzosen offenbart. Die Stimmung ist in der Regel entspannt. Viele duzen sich untereinander. Auch im Gericht. Dort ist mir vor allem aufgefallen, dass die Richter wider aller Erwartungen unter ihren Roben leger gekleidet sind. Anzug und Krawatte sind bei den Männern eher die Ausnahme. Auch die Frauen, die unter den Anwälten und Richtern sehr stark vertreten sind, kleiden sich individuell und bequem. So konnte ich meinen Kleidungsstil auch anpassen und war nicht gezwungen im Kostüm zu erscheinen.
Privat habe ich mich nicht mit meinen Kollegen getroffen. Grund dafür war wahrscheinlich der starke Altersunterschied: Sie waren alle mindestens 20 Jahre älter als ich. Jedoch habe ich mich sehr über die Einladung zum Abendessen von meinem Anwalt und seiner Frau gefreut. Bei einem Essen mit französischen Spezialitäten wie „foie gras“ (Gänseleber) und burgundischem Wein haben wir ein nettes Freundschaftsverhältnis aufgebaut. Seit dem Praktikum bin ich jederzeit in ihrem Haus willkommen. Außerdem habe ich einiges von ihnen über die Stadt Dijon und deren Umgebung erfahren.
Dijon ist als Hauptstadt der Bourgogne kulturell bedeutend. Im „Musée des Beaux Arts“, das zweitgrößte Museum (nach dem Louvre in Paris) von ganz Frankreich, kann man mehrere Tage mit Besichtigen verbringen. Es befindet sich im Stadtinnern, umgeben vom Theater, alten Plätzen mit Cafés, dem Rathaus, vielen Kirchen und zahlreichen versteckten Hinterhöfen. Meiner Meinung nach machen gerade die Letzteren den Flair der Stadt aus. Auch Einkaufen ist von dort zu Fuß möglich. Nur Busse fahren auf der Einkaufsstraße, die sich durch die Innenstadt schlängelt.
Dijon ist, denke ich, eine offene, freundliche, aber sonntags etwas verschlafene Stadt. Um dem zu entgehen, bietet die Umgebung verschiedene Möglichkeiten zur Besichtigung von Schlössern, Dörfern, usw. Schöner als jeder Besuch im Schloss, war für mich ein Spaziergang mit Freunden bei strömendem Regen in den Weinbergen hinter Nuits-St. Georges. Entlang der Wege reihten sich die vollen Reben. Natürlich waren wir versucht, zu probieren. Auch ein Besuch auf einem der zahlreichen Weingüter lohnt sich. Und eine Flasche Wein ist eine schöne Erinnerung an die Bourgogne.
6. Resumee
Alles in allem habe ich in Dijon und vor allem bei Me Blagny eine interessante Zeit verbracht von der ich sicherlich in verschiedenen Weisen noch lange profitieren werde. Ein Praktikum in seiner Kanzlei kann ich an die Praktikanten weiter empfehlen, die gerne ständig etwas zu tun haben. Und die, wenn dies mal nicht der Fall ist, sich selbstständig eine Beschäftigung suchen. Außerdem könnte ein Praktikum bei Me Blagny für diejenigen hilfreich sein, die gerne einen Einblick in die Praxis des französischem Zivilrechts erhalten wollen. Seine Arbeit konzentriert sich vor allem auf diese Materie. Und ich weiß, dass er bereit ist, weitere Praktikanten aufzunehmen.
Allen denen, die in Zukunft bei Me Blagny in Dijon ein Praktikum machen, wünsche ich viel Spaß.
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