Erfahrungsbericht
Deutsch-Französische Juristenvereinigung
Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte
Praktikum
bei Baum & Cie., Paris 2002 von Claudia Vennemann, München
1. Praktikumsstelle :
Baum & Cie.,
2. Integrierter Studiengang München - Paris II
40, rue Henri Barbusse
75005 ParisIm Rahmen des integrierten Studienganges für deutsches und französisches Recht der Universitäten München und Paris II studiere ich nun seit einem Jahr in Paris. Das Programm beginnt für die deutschen Teilnehmer in München, wo sie ab dem zweiten Semester an Kursen im französischen Recht teilnehmen. Nach dem vierten Semester ist dann ein anderthalbjähriger Aufenthalt in Paris vorgesehen.
Während dieser Zeit wurden wir in das französische Studienprogramm eingegliedert und absolvierten auf diese Weise nach einem Jahr die Licence. Nach einem weiteren Semester werde ich voraussichtlich wieder nach München zurückkehren, um dort das Staatsexamen abzulegen. Zusammen mit diesem erwerbe ich dann auch den französischen Abschluss, die Maîtrise.
3. Motivation und Auswahl der Praktikumsstelle
Da ich mir durchaus vorstellen kann, später einmal als Anwältin im deutsch-französischen Bereich zu arbeiten, wollte ich die Gelegenheit ergreifen, während der dreitmonatigen Sommerferien einen Einblick in die Arbeitsweise einer Kanzlei in Frankreich zu gewinnen. Dabei fand ich es besonders reizvoll, eine Kanzlei kennen zu lernen, die sich mit deutsch-französischen Angelegenheiten beschäftigt.
Zwei meiner Freunde hatten mir in diesem Zusammenhang von ihren positiven Erfahrungen mit der Kanzlei Baum & Cie. berichtet, und so bewarb ich mich dort um einen Praktikumsplatz. Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch bekam ich auch eine Zusage.
Von der Möglichkeit, mich um ein Stipendium für das Praktikum zu bewerben, erfuhr ich über die deutsch-französische Juristenvereinigung e.V. In ihrer Broschüre entdeckte ich, dass Herr Endrös, einer der beiden Partner von Baum & Cie., Mitglied der Vereinigung ist und dass somit die Möglichkeit bestand, sich beim Deutsch-französischen Jugendwerk um ein Stipendium zu bewerben.4. Kanzleiportrai : Baum & Cie.
Baum & Cie. ist eine eher kleine Kanzlei, in der sowohl deutsche als auch französische Anwälte arbeiten: Neben den beiden Partnern sind dort vier Mitarbeiter beschäftigt. Fachlich liegen die Schwerpunkte der Kanzlei im Arbeitsrecht, im Produkthaftungsrecht und im Vertragsrecht. Dabei ist in den meisten Angelegenheiten das französische Recht anwendbar. Da jedoch unter den Mandanten mehrere im englisch- und vor allem im deutschsprachigen Raum ansässig sind, ergeben sich häufig auch Fragen aus dem internationalen Privatrecht sowie spezieller aus dem deutschen materiellen Recht.
5. Meine Tätigkeiten während des Praktikums
Besonders interessant war für mich das Produkthaftungsrecht, da ich mich während meines Studiums in Frankreich schon eingehend mit dem besonderen Schuldrecht beschäftigt hatte. So war es nun eine Erfahrung ganz anderer Art, Rechtsstreitigkeiten dieses Gebietes einmal in der Praxis zu bearbeiten. Dabei wurde mir besonders bewusst, von wie großem Nutzen Kenntnisse in anderen Fachgebieten, etwa im technischen Bereich, sein können. Denn oft stecken die Sachverhalte voller technischer Details, die meist zunächst von Sachverständigen geklärt werden müssen, bevor es an die Erörterung der juristischen Fragen gehen kann. Für den Anwalt ist es jedoch unabkömmlich, sich auch in die technischen Gegebenheiten einzuarbeiten, um sie anschließend rechtlich einordnen zu können.
Während des Praktikums hatte ich sogar einmal die Gelegenheit, an einer Sacherverständigensitzung teilzunehmen. Die französischen Gerichte können nämlich einen Sachverständigen beauftragen, die technischen und/oder und finanziellen Aspekte eines Sachverhalts zu ermitteln. Der Sachverständige hat dann zumeist die Aufgabe, sich vor Ort zu begeben, um die verschiedenen Fragen zu klären. Dabei sind meistens alle beteiligten Parteien anwesend und können sich, vor allem auch im nach hinein, zu den Feststellungen des Experten äußern. Solche schriftlichen Stellungnahmen („dires“) hängt der Sachverständige am Ende des Verfahrens an seinen Bericht an.
Aber auch mit dem Arbeitsrecht habe ich mich gerne beschäftigt. Im französischen Studium hatte ich dieses zwar nur als Nebenfach belegt, dabei allerdings die wichtigsten Grundkenntnisse erlangt, auf die ich nun bei meinen genaueren Recherchen zurückgreifen konnte.
Besonders gut hat mir bei Baum & Cie. gefallen, dass mir als Praktikantin eine ganze Reihe verschiedener Aufgaben anvertraut wurden, auch wenn natürlich alles, was ich anfertigte, von einem der Anwälte noch einmal durchgesehen wurde. Indem ich zunächst jeweils selbständig einen Entwurf erarbeitete und anschließend erfuhr, was noch besser gemacht werden konnte, lernte ich die Besonderheiten der einzelnen Aufgabentypen kennen. Gleichzeitig wurde ich mit den geeigneten Formulierungen vertraut.Dies hatte auch den Vorteil, dass ich, bis auf ganz wenige Ausnahmen, immer gut ausgelastet war. Darüber war ich sehr froh, denn das ist bei Praktika leider nicht immer selbstverständlich.
Die Art der Aufgaben, die mir zugeteilt wurden, war recht vielfältig, wobei es sich fast ausschließlich um Aufgaben im juristischen Bereich handelte. Kopier- und Übersetzungsarbeiten waren selten.
Häufig wurde mir aufgetragen, Schreiben an Mandanten aufzusetzen. Diese mussten entweder auf deutsch oder auf französisch verfasst sein. Meist ging es darum, dem Klienten den Stand des Verfahrens mitzuteilen, die Rechtslage zu erklären, Schreiben und Schriftsätze der anderen Parteien oder Sachverständigengutachten zusammenzufassen. Um mich in den jeweiligen Sachverhalt einzuarbeiten, was insbesondere bei den technischen Streitangelegenheiten oft nicht ganz einfach war, las ich die wichtigsten Teile der Akte und wurde auf diese Weise gleichzeitig mit verschiedensten Fällen vertraut.
Besonders intensiv beschäftigte ich mich mit zwei arbeitsrechtlichen Angelegenheiten, in denen ich jeweils einen Schriftsatz (conclusions) verfassen sollte. Die französischen Arbeitsgerichte haben die Besonderheit, paritätisch mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern und somit nicht mit juristisch ausgebildeten Berufsrichtern besetzt zu sein. Ich lernte, dass unter anderem dies bei der Argumentation berücksichtigt werden muss.
In einer anderen Angelegenheit, diesmal aus dem Produkthaftungsrecht, erhielt ich die Aufgabe, ein „dire“ aufzusetzen. In diesem Fall hatten bereits mehrere Sachverständigensitzungen stattgefunden. Nunmehr ging es darum, unsere Position in Bezug auf die Feststellungen des Sachverständigen zu formulieren.
Ferner war ich einem der Anwälte bei der Vorbereitung einer Klageschrift behilflich. Um eine Kaufpreisforderung nachweisen zu können, mussten ganze Stapel von Rechnungen und Lieferscheinen sortiert, analysiert und dokumentiert werden – kurz: eine recht mühsame Aufgabe. Allerdings wurde mir dabei noch einmal bewusst, wie wichtig genaues Arbeiten ist, wenn es darum geht, etwas nachzuweisen.
Einmal kam ich dazu, mich mit einem strafrechtlichen Fall zu beschäftigen, in dem es um die Verletzung von sich aus dem Arbeitsgesetzbuch (Code du Travail) ergebenden Sicherungspflichten ging. Da das französische Strafrecht in unserem Studienprogramm überhaupt nicht vorkommt, mich dieses Fach aber in Deutschland immer sehr interessiert hat, freute ich mich über die Gelegenheit, einen kleinen Einblick in das französische Strafrecht zu bekommen.Neben diesen praktischen Aufgaben befasste ich mich mit Recherchearbeiten im französischen Werkvertragsrecht. Nachdem ich in der Bibliothek Literatur gefunden hatte, fasste ich die Ergebnisse meiner Analyse schriftlich zusammen. Anhand der verschiedenen Rechercheergebnisse soll am Ende ein Artikel für eine juristische Fachzeitschrift verfasst werden.
6. Resumé
Doch nicht nur die vielfältigen Aufgaben, die mir im Laufe meines Praktikums anvertraut wurden, haben mir gut gefallen, sondern auch die angenehme Arbeitsatmosphäre und die gute Stimmung in der Kanzlei. Die Anwälte waren immer freundlich und hilfsbereit, und mit den drei anderen Praktikantinnen, die zur gleichen Zeit bei Baum & Cie. arbeiteten, verstand ich mich ebenfalls sehr gut.
Die überschaubare Größe der Kanzlei ermöglichte es, fast mit jedem Anwalt einmal zusammenzuarbeiten und ihn bzw. sie näher kennen zu lernen. Zudem konnte ich vor allem dem Anwalt, in dessen Büro ich meinen Arbeitsplatz hatte, beliebig viele Fragen stellen, für deren Beantwortung er sich immer Zeit nahm. Er erzählte mir auch oft von den Angelegenheiten, die er gerade bearbeitete, und von seinen Erfahrungen im Anwaltsberuf. Auf diese Weise erfuhr ich vieles aus der Praxis, was mir bei der bloßen Aktenbearbeitung sicherlich weniger bewusst geworden wäre.
Auch wenn die Zeit schnell vergangen ist, war ich mit dem Zeitraum von fünf Wochen sehr zufrieden, da ich mich erstaunlicherweise doch relativ schnell einarbeiten konnte. Bei einem längeren Zeitraum besteht natürlich die Möglichkeit, noch mehr zu lernen. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass der Monat August weniger interessant ist, machte sich doch in den letzten Julitagen die Ferienzeit schon stark bemerkbar.
Während meines Praktikums konnte ich so verschiedene Facetten der Arbeit einer Anwaltskanzlei in Frankreich kennenlernen, so dass meine Erwartungen an das Praktikum durchaus erfüllt wurden. Da es mir sehr viel Spaß gemacht hat, kann ich Baum & Cie. auf jeden Fall als Praktikumsstelle empfehlen. Ich nehme an, dass die Kanzlei auch in Zukunft bereit sein wird, weitere Praktikanten aufzunehmen, da diese weniger als Belastung sondern vielmehr als Entlastung angesehen werden.
Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte