Erfahrungsbericht

Deutsch-Französische Juristenvereinigung


Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte

Praktikum

bei Maître Thierry Hiblot, Paris 2002

von Kerstin Hennes, Mainz




1.    Praktikumsstelle

Maître Thierry Hiblot
Cabinet Domenach-Hiblot-Terramorsi
39, rue Bobillot
75013 Paris

2.    Einleitung

Da heute sehr viel Wert auf eine auslandsbezogene Ausbildung gelegt wird, bietet es sich an, die während des Studiums von der JAPrO geforderten Praktika auch außerhalb Deutschlands zu absolvieren. Ein Auslandspraktikum ermöglicht nicht nur den Erwerb von fachspezifischen Sprachkenntnissen, sondern auch Einblicke in den Aufbau und die Funktionsweise einer anderen Rechtsordnung.

Da ich schon seit meiner Schulzeit von der französischen Sprache fasziniert bin, nach meinem Abitur ein Jahr in Frankreich als Au pair gelebt habe und auch während meines Jurastudiums an der Universität Mainz einführende Vorlesungen in das französische Recht besucht habe, viel die Wahl des Praktikumslandes auf Frankreich. Auch wenn die Vorbereitung eines Auslandspraktikums viel Zeit und ein hohes Maß an Eigeninitiative fordert und viele vor einem solchen Projekt zurückschrecken, ist es auf jeden Fall lohnenswert, was der folgende Bericht zeigen wird.

3.    Vorbereitungen

Das Praktikum wollte ich im Anschluss an mein einjähriges Studium des französischen Rechts an der Université Paris XII-Val de Marne mit dem Erwerb der „Licence en droit“ absolvieren. Dort belegte ich die Fächer droit civil des biens, contrats spéciaux, droit social, droit administratif, droit des libertés fondamentales, histoire du droit privé en Europe, droit judiciaire privé, droit international public, histoire des institutions, droit des sociétés et contentieux européen et communautaire. Um die während dieses Studiums erworbene theoretischen Kenntnisse des französischen Rechts praktisch anzuwenden und um die Tätigkeit eines Rechtsanwalts kennenzulernen, bemühte ich mich um einen Praktikumsplatz in einer französischen Anwaltskanzlei.

Auf der Suche französischer Kanzleien stieß ich auf die Homepage der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung (www.dfj.org). Ich forderte das Mitgliederverzeichnis der DFJ/AJFA an und hatte 14 Juristen ausgewählt, die prinzipiell zur Aufnahme von Praktikanten bereit sind.

Ich musste mich zunächst mit den Anforderungen, die an eine Bewerbung in Frankreich gestellt werden, eingehend auseinandersetzen. Sehr viel Wert wird auf den Lebenslauf und die ausführliche Motivationserklärung, die meist handschriftlich verfasst werden muss, gelegt. Im Januar 2002 begann ich damit, die Kanzleien in Paris anzuschreiben. Schon nach ca. 2 Wochen erhielt ich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch von Maître Thierry Hiblot, welches zur meiner Freude sehr positiv verlaufen ist. Von den insgesamt 14 Bewerbungen erhielt ich leider nicht von allen eine Antwort.

4.    Die Kanzlei

Die Kanzlei wurde 1978 von Maître Domenach gegründet und befindet sich im 13. Arrondissement („Place d`Italie“). Heute bildet die Kanzlei einen Zusammenschluss von 3 Anwälten: Maître Domenach, Maître Hiblot, Maître Terramorsi. Maître Faure-Muret et Maître Victorion-Ternaux arbeiten als Mitarbeiterinnen (avocates collaboratrices) für Maître Domenach und Maître Remigny ist die Mitarbeiterin von Maître Hiblot. Maître Canabate ist avocate stagiaire. Es arbeiten somit 7 Anwälte und 2 Sekretärinnen in Kanzlei, von der eine im Mutterschaftsur-laub ist. Demzufolge ist der Tätigkeitsbereich der Kanzlei sehr vielfältig. Die Arbeitsschwer-punkte liegen im Straf-, Familien-, Miet-, Arbeits-, Verwaltungs-, Verbraucherschutz-, Steuer- und Gesellschaftsrecht. Der mich betreuende Anwalt war Maître Hiblot, der auf Transport-, Handels- und Gesellschaftsrecht spezialisiert ist.

5.    Die Arbeit in der Kanzlei

Am ersten Tag erschien ich, wie mit Maître Hiblot abgesprochen, um 10 Uhr in der Kanzlei und wurde dort sehr nett empfangen. Er nahm sich sehr viel Zeit für mich, erklärte mir alles Wissenswertes über die Kanzlei, deren Arbeit und stellte mich seinen Kollegen vor. Glücklicherweise waren außer mir noch zwei weitere Praktikanten in der Kanzlei, die mir meinen Arbeitseinstieg erleichterten, indem sie mir erklärten, wie und wo man in Frankreich nach Rechtssprechung und Literatur recherchiert. Sie führten mich auch in die Anwaltssoftware ein.

Da Transport- und Gesellschaftsrecht die Arbeitsschwerpunkte von Maître Hiblot sind, erstreckte sich meine Tätigkeit insbesondere auf Probleme aus diesen Rechtsbereichen. Maître Hiblot war es sehr wichtig, mir Einblicke in die praktische Tätigkeit einer Anwaltskanzlei und die von ihm bearbeiteten Rechtsgebiete zu verschaffen. Zu Beginn wurde ich mit Rechtsprobleme aus dem Transportrecht konfrontiert. Da diese Materie für mich völlig unbekannt war, brauchte es etwas Zeit und Wille sich damit vertraut zu machen und einzuarbeiten. Die anfallenden Rechtsgelegenheiten haben sich überwiegend auf den deutsch-französischen Rechtsverkehr beschränkt. Nachdem ich mich in die einzelnen Dossiers eingearbeitet habe, sollte ich den Schriftverkehr und die Telefonate mit den deut-schen Mandanten, Transportunternehmen und Kollegen übernehmen. Dabei musste ich u.a. die einzelnen Besonderheiten der Sachverhalte oder der gerichtlichen Entscheidungen von der französischen in die deutsche Sprache umsetzen.

Ein wesentlicher Schwerpunkt meiner Tätigkeit lag somit im Übersetzen juristischer Texte und Dokumente vom Französischen ins Deutsche und umgekehrt. Für eine Praktikerkonferenz über die neuen Vertragstypen im Transportrecht, an der Maître Hiblot im September in Deutschland teilnehmen wird, erstellte ich eine deutsche Zusammenfassung hinsichtlich des französischen Beförderungsvertrages und erarbeitet die wesentlichen Unterschiede zur CMR (Convention relative au contrat de transport international de marchandises par route) aus.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit lag in der Erledigung von Formalitäten vor diversen Handelsgerichten, Industrie- und Handelskammern (Centre des Formalités des Entreprises) und Steuerämtern (recettes des impôts) in Nanterre und Paris. Meine Aufgabe bestand darin alle notwendigen Unterlagen zusammenzustellen, fehlende Unterlagen telefonisch oder schriftlich anzufordern und die entsprechenden Antragsformulare auszufüllen. Nach anschließender Besprechung und Überprüfung mit Maître Hiblot folgte der Behördengang. Er stellte mir eine Vollmacht aus, so dass ich alle Formalitäten in seinem Namen erledigen konnte. Somit war ich beispielsweise für die Einschreibung einer natürlichen Person als Händler im Handels- und Gesellschaftsregister verantwortlich, befasste mich mit der Abtretung eines Geschäftsvermögens, der Änderung des Sitzes einer Aktiengesellschaft, der Änderung der Geschäftsführer, der Hinterlegung der jährlichen Bilanz und dem Anzeigen der Weiterführung der Arbeit trotz schweren Verlustes. Dank meines Auslandstudiums war mir dieses Rechtsgebiet sehr vertraut.

Sehr begeistert hat mich die Selbstverständlichkeit, mit der mir diese komplexen Aufgaben übertragen wurden und das mir dabei entgegen gebrachte Vertrauen. Eine weitere Aufgabe war das Erstellen eines Scheidungsantrages, der vorübergehenden Vereinbarung und der entgültigen Vereinbarung der Eheleute. Dafür sollte ich mit älteren Akten Vergleiche ziehen, die Einzelheiten des Falles abwägen und anpassen. Zum anderen wurden mir täglich kleinere Aufgaben zur selbständigen Erledigung übertragen. Neben Recherchetätigkeiten per Telefon, Internet, Minitel oder eigene Recherchen bei den entsprechenden Behörden übernahm ich einige Botengänge (Palais de Justice, Conseil de la Concurrence) und während des urlaubsbedingten Ausfalls der Sekretärin übernahm ich den Telefon- und Postdienst in der Kanzlei.

Interessant war die Teilnahme an den Gerichtsverhandlungen, da nicht nur allein der Palais de Justice sehr beeindruckend ist, sondern auch die richterliche Planung von Gerichtsterminen, da mehrere Verhandlungen für die gleiche Uhrzeit angesetzt werden und es somit zu langen Wartezeiten kommen kann. Ich hatte somit Gelegenheit den französischen Verfahrensablauf kennenzulernen. Maître Hiblot erklärte und zeigte mir die innere Organisation des Gerichtes und die Anwaltsbibliothek.

Ich hatte auch die Möglichkeit an einer Verhandlung vor dem Conseil de la Concurrence teilzunehmen, die normalerweise nicht öffentlich sind. Sehr faszinierend fand ich dabei die Plädoyers der Anwälte, die teilweise über eine halbe Stunde dauerten, sehr ausführlich und argumentativ waren. Ich nahm auch an einer Konferenz zum Thema Unterrichtung/ Bekanntgabe des Krankenblattes (communication du dossier médical) im Rahmen einer Vortragsreihe der Rechtsanwaltskammer Paris teil.

Von allen Praktikanten wurde die tägliche Anwesenheit vorausgesetzt. Mir war es zwar möglich meine Arbeitszeit frei einzuteilen, unter der Bedingung, dass die anfallenden Aufgaben dennoch zügig bearbeitet werden. Meine Arbeitszeit war meistens von 10 Uhr bis 18 Uhr, teilweise abends auch länger, so dass es manchmal auch vorkam, dass ich bis zu 10 Stunden in der Kanzlei verbracht habe.

In der Kanzlei herrschte generell ein sehr angenehmes und harmonisches Arbeitsklima, so dass das Arbeiten auch richtig Spaß gemacht hat. Es war beispielsweise selbstverständlich, dass man die Mittagspause gemeinsam im Restaurant verbrachte. Als ich die Ergebnisse meiner Licence bekam, wurde zur Feier des Tages Champagner spendiert. Auch außerhalb meiner Arbeitszeiten hatte ich Kontakt mit der Sekretärin und den Praktikanten. Maître Hiblot hat mich auch öfters zum Essen eingeladen und mir dabei seine Familie vorgestellt. Wir waren auch zusammen auf einem Treffen („Stammtisch“) der deutsch-französischen Juristenvereinigung.

Mit meinem Praktikum war ich sehr zufrieden. Meine Erwartungen wurden bestens erfüllt, da ich aufgrund der Vielfältigkeit der mir übertragenden Tätigkeiten ausgelastet war und somit meine theoretischen Kenntnisse des französischen Rechts praktisch vertiefen konnte. Nochmals hervorzuheben ist das sehr angenehme Arbeitsverhältnis, die sehr gute Betreuung durch Maître Hiblot, der während der gesamten Praktikumszeit sich bei Verständnisfragen meinerseits immer wieder die Zeit genommen hat, Erklärungen und Hilfestellungen zu geben.

6.    Unterkunft

Der Wohnraum in Paris und knapp, so dass die Zimmersuche somit nicht einfach ist. Die Wohnungssuche im August selbst, dem sogenannten „toten Monat“ ist sinnlos, da die meisten Immobilienagenturen geschlossen haben und man die Vermieter auch nicht antrifft. Für Wohnheimsplätze muss man sich rechtzeitig bewerben, da eine sehr große Nachfrage besteht und Bewerbungsfristen gelten. Zur Absicherung sollte man folgende Unterlagen nicht vergessen.
-  Photokopie der Gehaltsabrechung der letzten drei Monate von den Eltern
-  Garantieerklärung des jeweiligen Elternteils, die der Absicherung des Vermieters dient
-  Kaution, üblich sind 2 Monatsmieten
-  Photokopie des Personalausweises oder des Reisepasses

Viele Vermieter bevorzugen jedoch einen französischen Garanten.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine Wohngemeinschaft die beste Möglichkeit ist, Kontakt mit Franzosen zu knüpfen und seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Allerdings sind diese in Frankreich sehr selten zu finden. Einige Aushänge findet man an der Amerikanischen Kirche (Eglise américaine), 65, Quai d`Orsay, 75007 Paris, in der kostenlosen Zeitung Fusac oder unter www.colocation.fr. Für private Zimmer empfiehlt sich auch das schwarze Brett des Goethe Instituts, 17, avenue d`Iéna und 31, rue Condé.

Ein weiterer Tipp ist die Cité Internationale Universitaire im Süden von Paris, in deren insgesamt 37 Häuser Studenten aus aller Welt leben. Die Anfragen sind an das jeweilige Haus selbst zu richten (siehe www.ciup.fr). Die Anschrift des deutschen Hauses lautet: Maison Heinrich Heine, 27 c, Boulevard Jourdan, 75014 Paris oder www.maison-heinrich-heine.org. Allerdings muss man auch hier die Bewerbungsfristen beachten. Trotz frühzeitiger Bewerbung hatte ich kein Glück ein Zimmer in der Cité U zu bekommen, da die Nachfrage sehr hoch war.

Weniger gut sind Immobilienagenturen, da üblicherweise die Mindestprovision eine Monatsmiete und die Mietdauer ein Jahr betragen. Sehr hilfreich sind die Pariser Immobilienzeitungen „La semaine immobilière“, erscheint montags, „J`annonce“, mittwochs und „De particulier à particulier“ donnerstags, wobei man aufgrund der hohen Nachfrage früh morgens anrufen sollte. Auf jeden Fall sollte man sich auf Zimmerpreise zwischen 350 € und 600 € einstellen.

7.    Leben in Paris

Paris ist eine der meistbesuchtesten Städte der Welt, die ein sehr umfangreiches und reichhal-tiges kulturelles Programm anbietet. Empfehlenswert ist der Kauf der wöchentlich (mittwochs) erscheinenden Veranstaltungskalender „Pariscope“ oder „L`officiel du spectacle“. Beide geben einen guten Überblick und Auskünfte über alle Theaterstücke, Kinofilme, Konzerte, Ausstellungen, Veranstaltungen, etc.

Studenten erhalten fast immer günstigere Karten und viele Museen verlangen am 1. Sonntag im Monat keinen Eintritt. Während den Sommermonaten werden viele Konzerte kostenlos angeboten z.B. Samstag/ Sonntag nachmittags im Bois de Vincennes. Man sollte aber trotzdem nicht außer Acht lassen, dass die Lebenshaltungskosten in Paris generell sehr hoch sind.

8.    Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich ein Praktikum in einer französischen Kanzlei lohnt, da es einen interessanten Einblick in den Aufbau und die Funktionsweise eines fremden Rechtssystems ermöglicht.

Dieses Praktikum war für mich eine ideale Ergänzung an mein Auslandsstudium. Ich konnte viele neue Erfahrungen sammeln, die nicht nur meinen juristischen, sondern auch meinen persönlichen Horizont erweitert haben. Es wird somit einen bleibenden Eindruck hinterlassen, zumal die sozialen Kontakte, die ich während dieses Praktikums geknüpft habe, für zukünftige Vorhaben wie beispielsweise die Wahlstation in der Referendarsausbildung sehr hilfreich sein können.

Insgesamt bin ich sehr froh, die Idee des Auslandspraktikums verwirklicht zu haben und insbesondere die Kanzlei Domenach-Hiblot-Terramorsi kann ich aufgrund des sehr angenehmen Arbeitsklimas empfehlen.
 


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