Erfahrungsbericht
Deutsch-Französische Juristenvereinigung
Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte
Praktikum
bei Maître de Gaspard, Paris 2002 von Anne Plein, Mainz
1. Praktikumstelle
Maître Pierre Gonzalez de Gaspard
32, rue la Boétie
75008 Paris
Téléphone : 01.45.61.13.10
Fax : 01.45.63.61.252. Vorbemerkungen
Schon vor Beginn meines Jurastudiums in Mainz stand für mich fest, dass ich auf jeden Fall meine Studienzeit dazu nutzen möchte, so viel Auslandserfahrung wie möglich zu sammeln. Die Universität Mainz habe ich deshalb ausgewählt, weil sie besonders für Frankreich interessierte Studenten ein interessantes Programm bietet. Es geht um ein integriertes Programm, dass den Mainzer Studenten ermöglicht, in Paris an der Universität Paris XII-St. Maur nach dem vierten oder sechsten Semester ein Jahr in Paris zu verbringen und über den normalen Erasmus-Studiengang hinaus, einen richtigen französischen Abschluss zu erwerben: Die Licence für die Studenten, die nach dem vierten Semester ein Jahr nach Paris gehen und die Maîtrise für diejenigen, die nach dem sechsten Semester gehen.
Schon aufgrund dieses Programms, dessen Vorbereitung in Mainz schon im ersten Semester beginnt, war ich relativ gut auf ein Auslandsjahr in Paris vorbereitet. Ich belegte in Mainz weiterführende Sprachkurse, erlernte die juristische Fachsprache in französisch und wurde eingeführt in das französische Rechtssystem. Auf die Idee, im Anschluss auf mein Auslandsjahr noch ein Praktikum in einer französischen Anwaltskanzlei zu absolvieren, kam ich allerdings erst später. Es gefiel mir so gut in Paris, dass ich noch keine Lust hatte, nach dem Erwerb der Licence und mit dem Ende des Semesters an der Universität sofort nach Deutschland zurückzukehren. Ich hatte verschiedentlich schon von anderen deutschen Studenten gehört, dass sie vorhatten, sich für eine Praktikumstelle bei einer Anwaltskanzlei in Paris zu bewerben und mir wurde geraten, dies so früh wie möglich zu tun, um noch gute Chancen auf eine Stelle zu haben.
Von der Möglichkeit, für die Zeit des Praktikums ein Stipendium vom DFJW zu erhalten, erfuhr ich rein zufällig: Eine Kommilitonin erzählte mir davon, dass sie vorhatte, sich für ein solches Stipendium zu bewerben. Die Adresse hätte sie in der Universität Mainz erhalten, durch Hilfe der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung. Sie gab mir den Ratschlag, mich ebenfalls dort zu erkundigen und ein Bewerbungsschreiben einzureichen.
2. Finden einer PraktikumstelleWas die Suche nach einer Kanzlei angeht, die auch bereit ist, ausländische Studenten aufzunehmen, kann ich nur sagen, dass ich ausnahmsweise einmal das Glück hatte, von bestehenden Verbindungen zu profitieren. Bereits vorher war mir berichtet worden, dass es zumeist schwierig sei, eine Kanzlei zu finden, die erstens ausländische Praktikanten empfängt und zweitens auch solche, die noch kein Examen haben. Allerdings hat es einigen meiner Kommilitonen bei der Suche geholfen, dass sie ein Jahr an einer französischen Universität und den Erwerb einer Licence oder Maîtrise nachweisen konnten.
Wichtig ist, dass man sich schon recht früh um eine Stelle bemüht und die Kanzleien persönlich anschreibt oder anruft, um zu erfahren, ob sie überhaupt Praktikanten einstellen möchten.Sehr hilfreich ist die Adressliste der Mitglieder der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung, die man sich zuschicken lassen kann. Darin sind die Mitglieder besonders gekennzeichnet, die prinzipiell zur Aufnahme von Praktikanten bereit sind.
Ich selber profitierte jedoch davon, dass ein Bekannter meiner Eltern mich darauf hinwies, dass seine Tochter eine Rechtsanwältin mit sowohl deutschem als auch französischem Abschluss sei und in einer renommierten Kanzlei in Paris arbeite. Er gab mir die Adresse und Telefonnummer der besagten Kanzlei, woraufhin ich dann hocherfreut über diese Möglichkeit sofort dort anrief. Es stellte sich heraus, dass in der Kanzlei Gonzalez de Gaspard drei Anwälte arbeiteten: M. Gonzalez de Gaspard selber, sein Sohn und die Tochter des Bekannten, Frau Brossin de Méré. Bereits das erste Telefonat verlief sehr positiv. Frau Brossin de Méré, zeigte sich sehr erfreut über meinen Anruf und konnte mir gleich mündlich eine Zusage erteilen. Sogar den Zeitraum konnte ich mir selber aussuchen.
Allerdings wies sie mich darauf hin, dass der August der so gesagte „tote Monat“ in Paris sei, wo sowohl Gerichtsferien seien, also keine Verhandlungen stattfinden würden, als auch die meisten Anwälte in Urlaub fahren würden. Ein Praktikum innerhalb dieser Zeit sei deshalb nicht unbedingt empfehlenswert. Deshalb beschloss ich, in der Zeit Juni/Juli für vier Wochen in der Kanzlei zu arbeiten. Des weiteren wies sie mich darauf hin, dass das Praktikum unbezahlt sei, was mich jedoch nicht überraschte. Dass Praktika in Anwaltskanzleien in der Regel nicht bezahlt seien, hatte ich schon von anderen gehört.
3. Arbeit in der Kanzlei
Die Kanzlei befindet sich im achten Arrondissement, die rue la Boétie ist eine Seitenstraße, die von den Champs Elysées abzweigt. Obwohl ich schon acht Monate in Paris wohnte und die Stadt ganz gut kannte, war ich doch beeindruckt vom Straßenbild, dass durch herrschaftlich alte und gut gepflegte Gebäude geprägt wurde. Die Kanzlei selber, die ja aus drei Anwälten bestand, hat darüber hinaus internationale Kontakte, besonders nach Deutschland, Spanien und Afrika. Frau Brossin de Méré war als Deutsche für die intensiven juristischen Kontakte nach Deutschland und das deutsche Klientel sowohl in Deutschland als auch in Frankreich zuständig.
Am ersten Tag wurde ich allen vorgestellt und auch gleich herzlich empfangen. Die Atmosphäre war ungezwungen und kam mir sehr viel lockerer vor, als in allen deutschen Kanzleien, die ich bisher kennengelernt hatte. Es fiel mir sofort auf, dass anders als in deutschen Kanzleien, es keine gelernten Rechtsanwaltsgehilfinnen gab, sondern allenfalls eine normale Sekretärin. Der Rest bestand aus, so wie ich auch, Praktikantinnen, die während ihrer Semesterferien praktische Erfahrung sammeln wollten. Erstaunlich erschien mir auch, dass sich alle in der Kanzlei, auch die Anwälte untereinander, duzten. Alles in allem erschien mir der Gesamtzustand der Kanzlei etwas chaotisch und unübersichtlich, aber gerade deshalb auch freundlich und liebenswürdig.
Meine Arbeitsbereiche konnte ich mir relativ frei aussuchen und als ich sagte, dass mich im besonderen die Arbeit bei Gerichtsterminen interessieren würde, konnte ich gleich am ersten Tag Frau Brossin de Méré zu mehreren Gerichtsterminen begleiten. Auch die Arbeitszeit konnte ich im wesentlichen selber einteilen, so dass ich keineswegs das Gefühl hatte, als kostenlose Arbeitskraft missbraucht zu werden. Im Schnitt arbeitete ich so täglich von zehn Uhr morgens bis um fünf Uhr Abends, blieb aber durchaus auch länger, wenn ich mit einer interessanten Arbeit beschäftigt war und diese noch beenden wollte.
Die folgenden vier Wochen hielt ich mich dann bevorzugt an Frau Brossin de Méré, weil mich ganz besonders die Unterschiede zwischen dem deutschen und französischen Recht, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis interessierten. Da sie über das deutsche Staatsexamen verfügte und auch in der deutschen Anwaltskammer als aktive Juristin eingetragen war und danach die Prüfungen in Frankreich absolviert und nun ebenfalls im Pariser „barreau“ eingeschrieben war, konnte sie mir sehr anschaulich und kompetent alles erklären. Dabei nahm sie sich sehr viel Zeit für meine Fragen und nichts war ihr dabei zuviel.
Die folgenden Wochen begleitete ich sie zu allen Gerichtsterminen. Um mir den Palais de Justice komplett zu zeigen und zu erklären, nahm sich Frau Brossin de Méré einen halben Tag Zeit und ging auf alle meine Fragen ein. Desweiteren besuchte ich Verhandlungen des TGI, der Cour d´Appel und des TASS (Tribunal de la sécurité sociale). Ein besonderes Erlebnis war es für mich, bei einer Verhandlung vor der höchsten Gerichtsbarkeit in Frankreich, der Cour de Cassation dabei sein zu dürfen. Eigentlich war die Verhandlung als nicht öffentlich deklariert, aber weil ich mich vorher gründlich in den prekären Fall eingelesen und Rechtsfragen mit Frau Brossin de Méré diskutiert hatte, wurde es mir auf Nachfrage von Frau Brossin de Méré von dem vorsitzenden Richter gestattet, als Praktikantin an der Verhandlung teilzunehmen.
Wenn keine Gerichtstermine anstanden, beschäftigte ich mich in der Kanzlei mit dem Lesen interessanter Fälle, die meist internationaler Natur waren. Danach hatte ich zumeist Zeit, mit Frau Brossin de Méré darüber zu sprechen und Fragen zu stellen. Als ich mich dann nach einiger Zeit etwas eingearbeitet hatte, wurde ich mit der Erstellung einfacherer Schriftsätze betraut, sowohl auf französisch, als auch auf deutsch, für das sich in Deutschland befindende Klientel. Teilweise musste ich auch Übersetzungen von Schriftstücken anfertigen, die aus Deutschland kamen und an französische Mandanten weitergeleitet werden sollten. Dabei hatte ich nie das Gefühl, mit meiner Arbeit überfordert oder alleingelassen zu werden, da ich stets jemanden fragen und um Hilfe bitten konnte.
Auch der Kontakt zu den anderen Praktikanten war sehr freundschaftlich. Direkt zu Beginn wurden mir viele Fragen gestellt, alle interessierten sich für mich und bewunderten teilweise, dass ich es geschafft hatte, ein Jahr in Paris zu studieren und nun hier zu arbeiten.So wurde die Mittagspause oft zum gemütlichen Treffen, wo jeder etwas zu erzählen hatte und viel gelacht wurde.Die vier Wochen vergingen wie im Fluge und als ich mich so richtig eingearbeitet hatte, wurde es schon wieder Zeit, mich zu verabschieden.
Für mein nächstes Praktikum, wo auch immer es stattfinden wird, werde ich auf jeden Fall etwas mehr Zeit einplanen. Vier Wochen in einer Anwaltskanzlei hier in Paris haben zwar gereicht, um einen umfassenden Überblick in das Arbeitsleben der Anwälte zu erlangen und sich mit Fällen zu beschäftigen, um jedoch effektiv und selbständig arbeiten zu können, reicht es meines Erachtens nach nicht aus.
4. Leben in Paris
Da ich das Vergnügen hatte, ein ganzes Jahr in dieser wundervollen Stadt Paris verbringen zu können, habe ich innerhalb dieser Zeit die Stadt auf ganz wunderbare Weise kennenlernen dürfen.Deshalb kann ich nur sagen, dass die Zeit eines Praktikums auf keinen Fall ausreicht, um auch nur einen Bruchteil des gesamten kulturellen Angebotes wahrzunehmen. Ich fand es jedenfalls sehr entspannend, nach dem arbeitsreichen Tag, abends noch in eine Bar einzukehren. Die dafür schönsten Viertel, wo auch während der Woche viel los ist, sind jedenfalls die Gegend rund um Bastille, besonders die bekannte rue de la Roquette, wo eine Bar an der anderen ist und das Marais-Viertel. An die dort herrschenden Preise muss man sich allerdings erst einmal gewöhnen.
Aber auch das Kulturprogramm ist sehr umfangreich, wobei man jedoch die Sommerpausen vieler Opern und Konzerthallen beachten muss.Als Student gibt es fast immer günstigere Karten k urz vor Veranstaltungsbeginn. Die meisten Museen verlangen am 1. Sonntag des Monats keinen Eintritt. Um sich über die zahlreichen Veranstaltungen zu informieren empfiehlt sich der Kauf des wöchentlich erscheinenden Pariscope oder Officiel du spectacle, der einen guten und umfassenden Überblick enthält.
5. Fazit
Ein Praktikum in einer französischen Kanzlei kann ich somit uneingeschränkt empfehlen, besonders im Anschluss an ein bereits absolviertes Auslandsjahr. Mir ist es so ermöglicht worden, mein bereits theoretisch erarbeitetes Wissen in die Praxis umzusetzen und zu erfahren, wie man in einer Kanzlei in Frankreich arbeitet. Außerdem hatte ich so die Gelegenheit, meinen bis dahin zumeist nur passiv erlernten Wortschatz aktiv anzuwenden. Auch bei den vielen Gesprächen mit den anderen Praktikanten hatte ich ausreichend Gelegenheiten, meine Sprache noch weiter zu verbessern und vieles hinzuzulernen.
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