Erfahrungsbericht

Deutsch-Französische Juristenvereinigung


Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte

Praktikum

bei Wenner, Paris 2002

von  Kerstin Bollmann, Mannheim

 

1.     Praktikumstelle

        Kanzlei Wenner S.C.P.
        71, rue Faubourg de Saint Honoré
        75008 Paris

2.    Vorbereitung

Auf meiner Suche nach einer Praktikumstelle im Internet bin ich über die Seite der deutsch-französischen Juristenvereinigung gestoßen. Dort habe ich zuerst die Erfahrungsberichte auf der Seite gelesen, um zu erfahren an welchen Stellen man überhaupt ein Praktikum absolvieren kann. Erst als ich viel später noch mal auf die Seite geschaut habe, habe ich gesehen, dass man sich ein Mitgliederverzeichnis der Juristenvereinigung schicken lassen kann um diese zwecks eines Praktikums anschreiben zu können. Ich habe ansonsten noch über ganz normale Anwaltsuchmaschinen nach Adressen gesucht und auch über die Pariser Gelben Seiten. Aber ich habe mich dann doch entschlossen die Mitglieder der Juristenvereinigung anzuschreiben, da diese wahrscheinlich schon Erfahrung mit Praktikanten haben.

Das Mitgliederverzeichnis der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung ist diesbezüglich auch sehr aufschlussreich und gibt an, wer bereit ist Praktikanten oder Referendare aufzunehmen. Die ersten Anfragen habe ich per E-Mail verschickt. Daraufhin war die Resonanz aber nicht sehr zahlreich und ich habe dann noch mal per normalem Postweg Anfragen abgeschickt. Danach habe ich vier positive Antworten zurück bekommen und konnte mir dann noch einen Platz aussuchen. Die Terminabsprache hat sich zwar dann noch etwas hingezogen, aber die Kanzlei Wenner, bei der ich schließlich den Platz angenommen habe, ist mir dabei sehr entgegen gekommen. Auf der Internetseite der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung hatte ich bereits am Anfang gelesen, dass Praktikas in Frankreich vom DFJW bezuschusst werden. Als ich meinen Praktikumplatz dann sicher hatte, habe ich mich telefonisch nach den Stipendien erkundigt, um auch genau zu wissen, welche Dinge ich einschicken musste.

3.    Erwartungen an mein Praktikum

Hinsichtlich des Praktikums hatte ich viele verschiedene Erwartungen. Natürlich wollte ich vor allem Französisch sprechen um mein inzwischen schon etwas eingerostetes Schulfranzösisch wieder etwas aufzufrischen. In Deutschland hatte ich bereits ein Praktikum am Gericht absolviert, jedoch noch nie bei einem Anwalt. Das Leben und Treiben in einer Anwaltskanzlei war mir also völlig fremd und dieses wollte ich während meines Praktikums erleben. Ich war auch gespannt welche Klienten und Angelegenheiten in der Kanzlei behandelt werden, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass es so viele transnationale juristische Probleme geben könnte. Ich konnte mir nicht vorstellen, welche Aufgaben ich in der Kanzlei übernehmen könnte. Vor allem welche juristische Angelegenheiten, auch in französischen Recht, ich bearbeiten könnte. Allerdings war ich mir bewusst, dass sich auch schon deutsche Anwälte mit Praktikanten oft schwer tun, da sie sich Zeit nehmen müssen, um diese sinnvoll zu beschäftigen und ihnen Akten, in denen sie etwas bearbeiten sollen, erst einmal zu erklären. Daher war mir auch klar, dass dies in einer deutsch-französischen Kanzlei noch zeitintensiver sein würde als in einer deutschen Kanzlei. Und mir war vorher klar, dass auch diese Anwälte sich nicht all zu viel Zeit für Praktikanten nehmen würden. Und im Endeffekt war es auch so. Dadurch dass die Kanzlei aus fünf Gesellschaftern besteht und ca. 15 angestellten Anwälten hatte immer mal jemand anderes Zeit mir Akten oder ähnliches zu erklären.

Aber als Praktikant fühlt man sich dennoch als Belastung, auch wenn alle sehr freundlich zu mir waren, habe ich sie doch ständig in ihrer Arbeit unterbrechen müssen. Hinzu kam der Termindruck und die Belastung unter der die Anwälte dort ständig stehen. Bei den französischen Akten kommt noch die Sprachbarriere hinzu, zumindest für mich, da ich in der juristischen Fachsprache mich nicht gut ausgekannt habe. Aber überhaupt die Sachverhalte, Akten und Klienten zu sehen war schon sehr interessant. Französisch habe ich vor allem am Anfang nicht sehr viel gesprochen, da in der Kanzlei wirklich fast alle deutsch sprechen können und auch noch eine andere deutsche Praktikantin in der Kanzlei war. Aber dies hat sich stetig verbessert.

4.    Mein Aufenthalt in der Kanzlei

Während meines vierwöchigen Aufenthalts in der Kanzlei habe ich verschiedene Aufgaben wahrgenommen. Darunter waren Briefe an englische und deutsche Klienten oder andere Anwälte zu verfassen, Entscheidungssuche in deutschem und französischem Recht gleichermaßen, spezielle Problemerörterung vor allem im deutschem und nur wenig in französischem Recht, Botengänge zu Gerichten, Handelskammer, u.ä., Übersetzungen und Bereitstellung von Informationsmaterial. Viel erlerntes vor allem in den deutschen Rechtsproblemen konnte ich einbringen, aber in allen Angelegenheiten im französischen Recht habe ich alles hinzu gelernt. Vor allem überhaupt heraus zu finden in welchen Büchern man nachschlagen oder etwas suchen kann, ist schwierig und nur mit einer Anleitung heraus zu finden. Ausgelastet war ich teilweise, an manchen Tagen war wirklich viel zu tun und an anderen dafür gar nichts. Es gab dann aber auch keine „Füllaufgaben“, sondern dann war wirklich gar nichts zu tun. Da fehlte es vor allem an der Abstimmung zwischen den Anwälten, denn entweder hatten alle auf einmal etwas zu tun, oder niemand.

Ich war in der Kanzlei Wenner für vier Wochen. Diese Zeitdauer genügt um einen Einblick in das Kanzleileben zu bekommen. Es ist jedoch sehr schade, dass man den Verlauf von juristischen Auseinandersetzungen nicht vollständig mitbekommt. Wenn man in einer Akte etwas bearbeitet hat, reichen die vier Wochen wohl kaum aus, um die Antwort des Gegners, o.ä. zu erfahren. Als ideal empfinde ich, beispielsweise während eines Auslandssemesters in einer solchen Kanzlei nebenbei zu arbeiten. So kann man einen besseren Einblick in den Fortgang juristischer Auseinandersetzungen gewinnen. Der Zeitpunkt war allerdings gut gewählt. Die erste Woche waren noch sehr viele der Anwälte in Urlaub und das ganze Treiben hat dann erst langsam angefangen. So stürzt nicht gleich alles auf einen ein, sondern kommt nach und nach. Leider war es aber für mich zu früh, um einer Gerichtsverhandlung zu folgen. Anfang September war keine in der ganzen Kanzlei für Paris angesetzt was ich sehr bedauert habe.

Im allgemeinen waren aber alle Angestellten sehr freundlich, egal ob Anwalt oder Sekretärin. Viele haben sich auch dafür interessiert, wo man untergebracht war, was man bereits von Paris gesehen hatte, wo die Wochenendausflüge hingingen, etc. Die Arbeitsatmosphäre war allgemein sehr familiär. Jedoch bestand kein Kontakt zu Arbeitskollegen nach der Arbeitszeit.

5.     Wohnen im Foyer Porta

Leider hatte ich nach der Arbeit auch viel Kontakt zu anderen Deutschen, so dass ich gar nicht so richtig in die französische Sprache eintauchen konnte. Das kam daher, dass ich im Foyer Porta gewohnt habe. Das Foyer liegt ganz in der Nähe des Arc de Triomphe und nur 20 min. von der Kanzlei Wenner weg. Es fährt sogar ein Bus vom Foyer zur Kanzlei, was sehr viel angenehmer ist, als beispielsweise  mit der Metro zu fahren. Das Foyer war ausschließlich für Frauen und hauptsächlich sind dort Deutsche und Französinnen untergebracht. Vor allem im Sommer, der Hauptpraktikumzeit, sind dort aber mehr Deutsche als Französinnen. Die Art der Unterkunft ist für ein Praktikum wie ich es gemacht habe ideal. Für 4 Wochen bekommt man ja überhaupt kein Zimmer. Das Foyer ist nicht so teuer, man bekommt dort Frühstück und teilweise auch Abendessen. Es steht aber auch noch eine Küche zur Verfügung, die jede benutzen kann. Außerdem ist man dort nie alleine, es ist abends immer jemand da mit dem man etwas unternehmen kann. Denn Paris alleine zu entdecken, ist doch nicht so reizvoll wie zu mehreren. Und man lernt auch interessante Menschen kennen, die alle Arten von Praktikas u.ä. machen, von denen man noch nie vorher etwas gehört hat. Ein Nachteil des Foyers ist es, dass man seinen Besuch egal ob weiblich oder männlich nicht im Haus unterbringen kann. Und die Haustür ist auch nur bis 1 Uhr nachts offen, danach muss man demjenigen, der extra aufsteht und einem die Tür öffnet, 8 € bezahlen. Gefunden habe ich die Adresse des Foyers auch über das Internet. Unter den Seiten des Studentenwerks von Paris gibt es extra Hinweise für Kurzaufenthalte im Sommer. Da gibt es auch die Möglichkeit in ein normales öffentliches Studentenwohnheim zu ziehen, dafür war ich allerdings schon zu spät dran. Viele Studentenwohnheime liegen jedoch außerhalb.  Auf jeden Fall sollte man sich um eine Unterkunft 6 Monate im voraus kümmern, vor allem in der Sommerzeit ist Paris ein beliebter Ort.

6.    Das Leben in Paris

Während solch eines Aufenthaltes bekommt man sehr viele neue Eindrücke. Prinzipiell halte ich das Leben in Paris nicht repräsentativ für ganz Frankreich. Paris ist schon eine ganz besondere Stadt. Ich fand es schade, dass die Menschen eigentlich nur so an einem vorbei rauschen. In den Strassen ist jeder in Eile, (außer es sind Touristen) in der Metro ist dies ganz besonders extrem. Ich finde es schade, dass die Menschen auch teilweise gar nicht mehr wahrnehmen was um sie rum passiert, oder neues geschieht. Auch in der Mittagspause habe ich mir manchmal überlegt, ob die Menschen überhaupt wissen was sie gekauft haben. Alles ging so schnell und mit einer Routine, als ob sie schon seit mindestens 20 Jahren jeden Mittag das selbe bestellen, aber gar nicht mehr richtig Kenntnis davon nehmen. Vielleicht ist dies aber mehr ein Großstadtsyndrom, als ein spezielles von Paris. Ich habe noch in keiner deutschen Großstadt gelebt und habe daher eigentlich gar keinen richtigen Vergleich zu Paris. (Das muss ich unbedingt mal nachholen!) Interessant fand ich auch die späten Arbeitszeiten. Morgens wurde eigentlich erst so gegen 10 Uhr begonnen, und abends dafür länger angehalten.

7.    Fazit

Ich weiß noch nicht genau was ich nach meinem abgeschlossenem Studium machen möchte, von daher kann ich auch nicht sagen, ob das Praktikum mir in meiner zukünftigen Arbeit von Nutzen sein wird. Auf jeden Fall hilft es einen Eindruck erst einmal zu gewinnen, welche Möglichkeiten und Betätigungsfelder es überhaupt gibt. Prinzipiell würde ich schon gerne einer international ausgerichteten Tätigkeit nachgehen, aber ich glaube, dass zwischen dem 4. Semester und dem 2. Staatsexamen auch noch so viel Zeit dazwischen liegt, dass dies bis jetzt nicht mehr als eine bloße Vorstellung ist.

Die Kanzlei Wenner nimmt auch weiterhin Praktikanten auf. Überwiegend sind dort aber Referendare. Allerdings würde ich die Stelle nicht weiterempfehlen. Obwohl die Fälle und die Klienten sehr interessant sind, wägt dies nicht auf, dass man sich als Praktikant doch als Belastung fühlt. Oder besser gesagt, man merkt es in der Kanzlei, dass man eine Belastung ist. Vielleicht wäre es besser, wenn man ein Praktikum in der Kanzlei beispielsweise am Ende eines Auslandssemesters oder –jahres verbringt. Da man dann ja schon in das französische Recht eingearbeitet ist, fällt es leichter den Vorgängen zu folgen. Als bloßen Aufenthalt dort, kann ich die Kanzlei jedoch nicht weiter empfehlen. Was ich allerdings nicht beurteilen kann, ist ob es in anderen Kanzleien besser ist, dies wage ich nämlich auch zu bezweifeln. Trotzdem ist es natürlich eine schöne Zeit, vor allem in einer Stadt wie Paris, die man sonst als Tourist nie so kennen gelernt hätte wie in diesen vier Wochen.
 


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