Erfahrungsbericht

Deutsch-Französische Juristenvereinigung


Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte


Praktikum

bei Baum & Cie., Paris 2005

von Martin Dubiel, Regensburg

 

1. Praktikumsstelle:

SCP Baum & Cie., 40, rue Henri Barbusse, F-75005 Paris,
(neue Adresse ab April: 8, rue César Franck, F-75015 Paris)

1. Motivation

Gerade bei juristischen Berufen sind einschlägige Auslandserfahrungen von immer größerer Bedeutung. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich es in Erwägung gezogen, ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei außerhalb Deutschlands abzuleisten. Meine Wahl fiel dabei auf Frankreich, da ich schon seit längerem großes Interesse für die Kultur, die Sprache und das Rechtssystem unseres Nachbarlandes hege. Insbesondere Paris übt eine besondere Anziehungskraft auf mich aus. Nach mehreren touristischen Besuchen wollte ich nunmehr die Gelegenheit nutzen und das alltägliche Arbeitsleben in dieser Stadt kennen lernen. Bei der Auswahl der Kanzlei richtete sich mein Augenmerk auf Büros, deren Tätigkeitsbereich sich auf deutsch-französische Rechtsstreitigkeiten erstreckt. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass ich während meines Studiums im Wahlfach „Internationales Privatrecht/Rechtsvergleichung“ schon diverse Kenntnisse bzgl. des grenzüberschreitenden Rechtsverkehrs sammeln konnte, deren praktische Bedeutung ich auf diese Weise in Erfahrung bringen wollte. Auf die Kanzlei Baum & Cie. stieß ich durch eine Bekannte, die dort vor einiger Zeit ihre Wahlstation im Referendariat abgeleistet hatte. Da sie mir nur Gutes aus dieser Zeit berichten konnte, habe ich mich bei dieser Kanzlei nach der Möglichkeit eines Praktikums erkundigt. Nach der Zusendung meines Lebenslaufes und einem Telefongespräch mit einem der Partner habe ich die Zusage für ein 2-monatiges Praktikum erhalten. Bei einem Besuch der Homepage der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung erfuhr ich von der Möglichkeit eines praktikumsbegleitenden Stipendiums, das vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) vergeben wird.

2. Die Kanzlei

Bei der Kanzlei Baum & Cie. handelt es sich um eine mittelgroße Wirtschaftskanzlei, die aus zwei Partnern und sieben angestellten Anwälten besteht. Ihre Haupttätigkeit erstreckt sich in erster Linie auf das Produkthaftungsrecht und das Arbeitsrecht. Die Mandate liegen dabei fast ausschließlich im grenzüberschreitenden Rechtsverkehr zwischen Deutschland und Frankreich. Viele Mandanten kommen aber auch aus dem englischsprachigen Raum.

3. Erwartungen

Ich ging nach Paris zum einen mit der Erwartung, so viel wie möglich von der Arbeitsweise in einer französischen Anwaltskanzlei mitzubekommen und Grundzüge des französischen Rechtssystems in seiner praktischen Anwendung zu erfahren. Ein anderer Gesichtspunkt war natürlich die Verbesserung meiner Sprachfähigkeiten. Ich habe zwar aus der Schule und vielen Kursen an der Uni schon ganz annehmbare Französischkenntnisse aufbauen können. Das Praktikum sollte allerdings mein erster längerer Aufenthalt „vor Ort“ werden. So erhoffte ich, diese Sprachkenntnisse (v.a. im juristischen Bereich) weiter auszubauen.

4. Tätigkeiten

Im Laufe des Praktikums wurde ich mit vielfältigen Aufgaben betraut. Die Haupttätigkeit lag dabei in der Erstellung von Schriftsätzen und Zusammenfassungen für verschiedene Mandanten. Dies erfolgte in zwei Formen. Zum einen musste ich den Mandanten über den gegenwärtigen Stand seines Verfahrens schriftlich informieren. Dabei fasste ich aktuelle Sachverständigengutachten oder gegnerische Schriftsätze zusammen und erläuterte die geplante weitere Vorgehensweise. Andererseits waren aber auch wörtliche Übersetzungen der im Französischen angefertigten Schriftsätze und Klageschriften zu erstellen, wobei diese sowohl ins Deutsche als auch in manchen Fällen ins Englische erfolgten. Diese Übersetzungsarbeiten empfand ich durchaus als Bereicherung, weil man sich auf diesem Wege äußerst intensiv mit einer Akte beschäftigen musste und den fachspezifischen Wortschatz im Französischen ungemein ausbauen konnte. Nicht vergessen darf auch werden, dass man so den Aufbau der prozessualen Schriftstücke in Frankreich genau studieren konnte und auch auf diese Weise eine Menge über den Prozessablauf in Frankreich lernte. Bei manchen Angelegenheiten konnte ich sogar an der Universität Erlerntes anwenden. So war es notwendig, das anwendbare nationale Recht oder das international zuständige Gericht zu ermitteln, wobei mir die Kenntnisse aus dem Wahlfach sehr zugute kamen.

Ein anderer sehr interessanter Tätigkeitsbereich war die Recherche in der Bibliothek im „Palais de Justice“ auf der Ile de la Cité. Dabei musste ich zum Teil vorgegebene Fundstellen für verschiedene Anwälte kopieren. Andererseits war ich aber auch mit der selbständigen Suche von Literatur und Rechtsprechung zu einem rechtlichen Problemkreis betraut. Nicht zuletzt wegen deren imposanter Erscheinung stellten die Gänge zum „Palais de Justice“ und dessen Bibliothek immer wieder ein „Highlight“ bei meiner Arbeit dar.

Einen Einblick in das französische Prozessrecht erhielt ich durch diverse Teilnahmen an Gerichtsverhandlungen und Sachverständigenterminen. Letztere sind sehr typisch für das französische Prozessrecht und finden in erster Linie bei Haftungsprozessen statt. Dabei treffen sich alle Parteien bzw. deren Anwälte zusammen mit dem/den Sachverständigen am Ort des Schadensfalls. Dort werden dann der Hergang des Schadens und Hypothesen für dessen Ursachen erläutert. Diese Termine waren insofern besonders interessant, weil sie eine Abwechslung vom normalen Büroalltag darstellen.

Die schriftlichen Arbeiten waren immer selbständig anzufertigen. Bei allen Tätigkeiten, mit denen ich betraut war, standen allerdings alle Anwälte jederzeit und geduldig für Rückfragen zur Verfügung, wovon ich auch rege Gebrauch machte. Bis auf wenige Ausnahmen war ich immer gut ausgelastet.

5. Außerhalb der Arbeit

Dass Paris faszinierend ist und unendlich viele Möglichkeiten bietet, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Allerdings sind all diese Möglichkeiten oft nicht gerade billig, so dass vieles für Studenten, die über ein begrenztes Budget verfügen, aus diesem Grund nicht so intensiv genutzt werden kann. Allerdings sind auch die „kostenlosen“ Angebote der Stadt sehr reizvoll. So ist es allein schon ein Erlebnis, Paris einfach zu Fuß (oder mit dem Bus) zu erkunden. Nicht selten habe ich stundenlange Spaziergänge ohne Stadtplan „einfach der Nase nach“ unternommen. Es ist faszinierend, welche Eindrücke man von dieser wunderschönen Stadt auf diese Weise erlangen kann und man wird überrascht, wie klein Paris eigentlich ist, was die Fläche angeht. Die angesprochenen hohen Preise bedeuteten allerdings nicht, dass ich gar nichts unternehmen konnte. Den ein oder anderen Kino-, Konzert- oder Museumsbesuch ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Abseits der typischen Touristenpfade findet man auch erschwingliche und gute Restaurants, so dass auch hin und wieder die kulinarischen Angebote nicht zu kurz kamen.

Der Kontakt zu den Anwälten außerhalb der Arbeitszeit war eher spärlich. Dies lag wohl in erster Linie daran, dass sie werktags meist doch meistens viel länger als ich in der Kanzlei blieben und für das Wochenende familiär verplant waren. Auch der Aufbau von Kontakten zu französischen Jugendlichen hat sich aufgrund der relativ kurzen Aufenthaltsdauer und der Art der Unterkunft (s.u.) in Grenzen gehalten.

6. Eindrücke

Während meines Aufenthalts sammelte ich verschiedene Eindrücke über die französische Lebensweise und Kultur. Was das Arbeitsleben in der Kanzlei angeht, konnte ich allerdings keine großen Unterschiede zu deutschen Verhältnissen feststellen. Die Arbeitszeiten sind sehr ähnlich (d.h. die meisten Anwälte blieben z.T. abends sehr lange in der Kanzlei). Im positiven Sinn bemerkenswert fand ich lediglich, dass fast alle Anwälte (auch die Partner) die Mittagspause regelmäßig im Besprechungsraum zusammen mit den Sekretärinnen und den Praktikanten verbrachten. Ich konnte also diesbezüglich keinerlei Hierarchiedenken oder Berührungsängste feststellen. Die Gesprächsthemen bei diesen Zusammenkünften hatten dann auch überhaupt nichts mit der Arbeit zu tun, sondern drehten sich um verschiedenste außerberuflichen Themen. An diesen Beobachtungen lässt sich vielleicht ein gewisser Unterschied zur „deutschen“ Mentalität festmachen, wo auch in der Mittagspause (nach meinen Erfahrungen) die Arbeit oft im Mittelpunkt bleibt.

7. Unterkunft

Während der zwei Monate wohnte ich in einem sehr kleinen möblierten Studio (ca. 12 qm), das ich im Internet über eine Wohnraumvermittlung, die auf Kurzaufenthalte in Paris spezialisiert ist (www.inter-logement.com), gemietet habe und das auch (wie leider in Paris üblich) sehr kostspielig war. (500 EUR/Monat) Dafür war das Zimmer aber auch möbliert, mit kleiner Küche ausgestattet und mit Bettwäsche und allem möglichen Geschirr bestückt. Für die Vermittlung musste ich eine einmalige Gebühr von 150 EUR bezahlen, was ein wenig günstiger ist als die eines anderen vergleichbaren Anbieters, den ich ebenfalls in der engeren Auswahl hatte. Was den Preis der Unterkunft betrifft, so ist dieser trotz seiner Höhe wohl als angemessen für Paris, zumal der Aufenthalt doch relativ kurz war. Im Nachhinein würde ich allerdings doch eine Art der Unterkunft bevorzugen, die mehr Kontakt zu Franzosen außerhalb der Arbeitszeiten bieten kann. Ich denke dabei v.a. an die Möglichkeit einer Wohngemeinschaft. Auch in Paris erfreut sich diese Form des Zusammenlebens scheinbar immer größerer Beliebtheit. So gibt es auch im Internet diesbezüglich verschiedene Angebotsseiten. (www.colocation.fr, www.appartager.fr, www.studenten-wg.de) Dort kann man auch eine eigene Anzeige schalten. Hinweisen möchte ich auch noch darauf, dass diese eben genannten Anbieter jeden ersten Donnerstag im Monat ein Treffen für Interessenten veranstalten („Jeudi de Colocation“) Wer also die Möglichkeit hat, sich schon vorher nach Paris zu begeben, für den bietet sich vielleicht die Teilnahme daran an.

8. Fazit

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass das Praktikum in Paris eine sehr wertvolle Erfahrung für mich in vielerlei Hinsicht darstellt. Zum einen bringt es mich sicherlich in beruflicher Hinsicht weiter, zumal ich einen juristischen Beruf mit internationalem Bezug anstrebe und auf diese Weise schon frühzeitig die Arbeitsweise in einer international operierenden Kanzlei kennen lernen konnte. Außerdem konnte ich bei meinen Arbeiten einen relativ großen Grundstock in der französischen juristischen Fachsprache aufbauen, der sicherlich bei weiteren Tätigkeiten von Nutzen sein könnte. Insbesondere strebe ich auch für die Wahlstation im Referendariat einen Aufenthalt im Ausland an, bei dem diese Kenntnisse den Einstieg erleichtern können. Andererseits ist der persönliche Nutzen nicht zu unterschätzen. Man kann mit einem solchen Aufenthalt im Ausland, der nicht nur touristischer Natur ist, ungemein seinen Horizont erweitern und „über den Tellerrand hinwegschauen.“ Frankreich ist zwar im Vergleich zu Deutschland nicht gerade als „exotisch“ einzustufen, aber die kleinen Unterschiede in der Kultur und Mentalität sind doch zu erkennen und spannend zu entdecken.

Außerdem bekam ich einen sehr guten Einblick in die alltägliche Arbeit eines französischen Anwalts und dessen Tätigkeitsspektrum.

Was die Sprachkenntnisse angeht, so muss man sagen, dass die zwei Monate nicht ganz ausgereicht haben, um die aktiven Fähigkeiten zu perfektionieren. Dazu bedarf es, meiner Meinung nach, doch eines längeren Aufenthalts, sprich mindestens ein halbes Jahr. Der passive Wortschatz ist allerdings doch ganz ansehnlich gewachsen. Wie bereits angedeutet, konnte ich insbesondere in der juristischen Fachsprache durch die intensiven Bearbeitungen französischer Schriftsätze durchaus nützliches Vokabular kennen lernen und mir aneignen.

Die Dauer des Praktikums von 7 Wochen war angemessen. Einen kürzeren Zeitraum würde ich für ein Auslandspraktikum nicht empfehlen (außer man hat vorher durch ein längeres Auslandsstudium schon viele Erfahrungen sammeln können). Im Gegenteil: noch besser wäre eine noch etwas längere Zeit gewesen. Ideal ist wohl die Dauer der Wahlstation im Referendariat, die 3 Monate beträgt. Die Kanzlei Baum & Cie. ist auf jeden Fall für Praktika oder Wahlstation uneingeschränkt zu empfehlen. Die Arbeitsatmosphäre ist sehr angenehm, alle Mitarbeiter sind sehr freundlich und hilfsbereit. Als Praktikant wird man keinesfalls etwa „von oben herab“ behandelt, sondern voll in die anwaltliche Arbeit mit integriert.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich es in keinster Weise bereut habe, dieses Praktikum abgeleistet zu haben. Ich werde die Zeit in sehr guter Erinnerung behalten.


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