Erfahrungsbericht

Deutsch-Französische Juristenvereinigung


Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte


Praktikum

bei GGV Grützmacher / Gravert / Viegener, Paris 2005

von RA Matthias Lutz, Stuttgart

 

"Keks und Kapitalherabsetzung, Likör und Litigation -
warum niemand seine Wahlstation bei GGV in Paris bereuen wird"

Wer einmal über den Geschmack von bretonischem Keksen, ofenfrischem Baguette und Ziegenkäse während des Urlaubs hinaus das tägliche Leben und Arbeiten der Franzosen aus erster Hand kennen lernen will und dabei noch die Sprache unserer wunderbaren Nachbarn links des Rheins einigermaßen ordentlich beherrscht, sollte ernsthaft ein Erwägung ziehen, seine Referendar-Wahlstation in Frankreich zu verbringen. Wer dann seinem Referendariat noch eine besondere Krone aufsetzen will, der macht seine Wahlstation bei der Kanzlei GGV Grützmacher / Gravert / Viegener ("GGV").

1. Mehr als oh là là und café au lait

GGV ist eine im Steuer- und Wirtschaftsrecht spezialisierte mittelständische Kanzlei mit Büros in Frankfurt, Leipzig, Hamburg und erfreulicherweise auch in Paris. In der französischen Metropole an der Seine sind derzeit 9 Anwältinnen und Anwälte mit deutschem und/oder französischem Hintergrund tätig. Der Schwerpunkt liegt darin, die internationalen Auftraggeber bei der Gründung und Führung französischer Niederlassungen, dem unternehmerischen Einstieg in den französischen Markt und Fragen der Beschäftigung von Arbeitnehmern in Frankreich zu begleiten. Mit ihrer Marktposition nimmt GGV eine herausgehobene Stellung unter den deutschen Anwaltskanzleien in Frankreich ein. Die Kanzlei liegt verkehrspolitisch günstig zwischen der Gare St. Lazare und den Champs-Elysées in einem altehrwürdigen Büro- und Geschäftsviertel.

2. Wo der Rhein in die Seine fließt

Doch wie wird der Weg zum Triumphbogen zum Triumph? Es gibt zwei Möglichkeiten: Zum einen über das Justizministerium Nordrhein-Westfalen. Vermittelt werden Ausbildungsplätze nach Paris und Umgebung, was der Verfasser dieser Zeilen nur als mäßig bedauerlich empfindet. Die Fristen für die Bewerbung hängen von den einzelnen Bundesländern ab. Liegen die entsprechenden Nachweise der linguistischen Kompetenz vor, stehen die Chancen sehr gut (16 Punkte), einen Ausbildungsplatz vermittelt zu bekommen. Ein Nachweis kann in einem Sprachkurs bestehen; bei mir genügte ein einsemestriger Aufenthalt an der Universität Genf und ein Schein in französischer Rechtssprache im ersten Semester bei der sehr charmanten und spitz beschuhten Mme Franck in Tübingen. Zum anderen besteht auch die Möglichkeit, sich direkt zu bewerben, bei GGV beispielsweise über 12, rue d’Astorg, F-75008 Paris. Die statistische Wahrscheinlichkeit, bei GGV ausgebildet zu werden, liegt auf diesem Wege natürlich höher.

3. Colloquium Vitae

Die Pariser Anwaltsorganisation bietet für deutsche Referendare ein Kolloquium im französischen Recht an. Dieses Kolloquium empfiehlt sich insbesondere für diejenigen, die sich für französisches Handels- und Gesellschaftsrecht interessieren. Es bietet zudem die Gelegenheit, andere Referendare kennen zu lernen. Die Dozentin Mme Perot-Reboul ist sehr sympathisch, kompetent und macht gern Urlaub im Bayerischen Wald und in Österreich.

4. Betriebsamkeit im 8. Arrondissement

Nicht „hektische“, sondern „herzliche“ Betriebsamkeit herrscht in den Räumen in der Rue d’Astorg 12. Betriebsam geht es zu, weil die Kanzlei aufgrund ihrer besonderen Positionierung viel zu tun hat. Engagement und in der Regel ständige Präsenz wird auch von den Referendaren erwartet. Es ist aber auch kein Problem, den Nachmittag auf den Champs Elysées zu verbringen, wenn einmal nichts anfällt. Herzlich ist die Atmosphäre, weil ein deutscher Referendar ausnahmslos von allen Mitarbeitern sehr freundlich aufgenommen wird. Es ist zu spüren, dass GGV sehr große Erfahrungen in der Ausbildung von Anwärtern auf das Zweite Staatsexamen hat. Die Anwälte wissen, was ein Referendar leisten kann und was nicht. Dabei hatte ich stets das Gefühl, mit meiner Arbeit ernst genommen zu werden und in das Team voll integriert zu sein. Hatte ich einmal Fragen, so hatte ich nie den Eindruck, meinem Ansprechpartner auf die Nerven zu gehen, sondern dass er sich freut, wenn er einem weiterhelfen kann. Dieses trotz aller hohen Ansprüche an die Mitarbeiter menschliche, positive Arbeitsklima hat mich bei meinem Aufenthalt in der Kanzlei besonders beeindruckt.

5. Es gibt (fast) immer was zu tun

Der Aufgabenbereich eines Referendars bei GGV umfasst hauptsächlich Übersetzungen von Vertrags- und sonstigen juristischen Texten, die auch gerne mal in Englisch sein dürfen. Literaturrecherchen im deutschen und französischen Recht sowie kleine Gutachten zu einzelnen Rechtsfragen gehören ebenso dazu. Gelegentlich bietet der direkte Kontakt mit Banken, Gerichten oder Ämtern der französischen Verwaltung eine willkommene Abwechslung. Darüber hinaus ist er sprachpädagogisch wertvoll.

6. Getting along in Paris

Nähere Infos zur Kanzlei gibt's unter www.gg-v.com. Kontakt zum Ministerium stellt man so her: Ministerium für Inneres und Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen, Herr Dr. Schrade, Bereich Justiz, Az. 2220 - APr. 46, Martin-Luther-Platz 40, 40212 Düsseldorf, Tel. 0211- 8792-425. Ein Merkblatt für das Frankreich-Programm stellt das Justizministerium NRW (www.justiz.nrw.de) zur Verfügung. Wer noch Fragen hat zu Vorbereitung, Durchführung der Wahlstation in Paris, dem dortigen Leben (unter besonderer Berücksichtigung schwäbisch-ökonomischer Lebens- und Genussphilosophie) oder wer einfach wissen will, wie man selbst bei gelber Ampel mit dem Fahrrad noch sicher über die Place de la Concorde kommt, der möge an matthias_lutz@gmx.de eine Mail schicken.

7. Was noch zu sagen ist

Zum Schluss möchte ich mich an dieser Stelle nochmals bei dem gesamten Team von GGV, insbesondere bei meinem Ausbilder, Herrn Rechtsanwalt Thomas Führlbeck, für die ausgesprochen lehrreiche und schöne Zeit bedanken.


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