Erfahrungsbericht

Deutsch-Französische Juristenvereinigung


Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte
 

Anwaltspraktikum in Paris - März/April 1998

von Nadine Herrmann, Marburg
 

Inhalt :

Einleitung

Da heute immer stärkerer Wert auf eine auslandsbezogene Ausbildung gelegt wird, bietet es sich für den Jurastudenten an, die im Studium abzuleistenden Pflichtpraktika zumindest teilweise im Ausland zu absolvieren. Diese Idee liegt nicht fern und reizt wahrscheinlich viele Studenten; allerdings schrecken noch immer viele vor der Durchführung zurück.

Zunächst stellt sich die Frage: Lohnt sich die Suche nach einem Praktikumsplatz im Ausland, wenn es naheliegendere Möglichkeiten bei Anwaltskanzleien, Gerichten oder Verwaltung im Inland gibt? Die Suche lohnt sich, was im folgenden zu zeigen ist.

Der folgende Bericht soll daher nicht nur schon interessierten nachfolgenden Praktikanten meine Erfahrungen mitteilen, sondern auch diejenigen zu einem Auslandspraktikum ermuntern, die vielleicht noch vor einer solchen Unternehmung zurückschrecken.

Auswahl des Praktikumsplatzes

Hierbei sei zunächst darauf hingewiesen, daß ein Auslandspraktikum immer eine lange Vorbereitungszeit sowie ein nicht unerhebliches Maß an Eigeninitiative voraussetzt.

Die Auswahl des Praktikumslandes fiel bei mir auf Frankreich, wobei persönliche Neigungen, Sprachkenntnisse und die bedeutende Stellung Frankreichs im Rahmen der europäischen Integration eine Rolle spielten.

Der nächste Schritt lag in der Auswahl der Praktikumsstelle. Ziel des Auslandspraktikums war es für mich, einen Einblick in ein fremdes Rechtssystem sowie gleichzeitig in das Arbeitsleben in dem Partnerland zu erhalten. Wo könnte man dieses Ziel nun besser verfolgen als in einer Rechtsanwaltskanzlei?

Das Wahl- bzw. Anwaltspraktikum bietet sich zudem als Auslandsstation auch deshalb besonders an, weil es im Gegensatz zum Verwaltungspraktikum nicht mit einem langwierigen Anerkennungsverfahren durch das Justizprüfungsamt verbunden ist.

Die Suche nach einer Anwaltskanzlei

Paris gehört aus den unterschiedlichsten Gründen wohl zu einem der beliebtesten Ziele für Praktikanten und Referendare. Das führt dazu, daß gerade die Kanzleien, die auch mit deutschem Recht in Berührung kommen und deren Adressen deshalb auch in Deutschland leicht zugänglich sind, ihre durchaus vorhandenen Plätze schon vergeben haben, wenn man erst 6 Monate vor dem gewünschten Termin anfragt. An eine rechtzeitige Planung sei hier deshalb nochmals erinnert.

An Kontaktadressen, die sich bei der Suche nach einem Praktikumsplatz als nützlich erweisen, sei hier zunächst die Deutsch - Französische Juristenvereinigung (DFJ) genannt, die in ihrem Mitgliederverzeichnis eine Reihe von französischen Anwälten ausweist, die bereit sind, deutsche Studenten und Referendare aufzunehmen.

Darüber hinaus sei noch darauf hingewiesen, daß Adressen französischer Anwaltskanzleien auch im Auslandsannex des Deutschen Anwaltsverzeichnisses, im Korrespondenzanwaltsverzeichnis der örtlichen Rechtsanwaltskammer und Auslandsverzeichnis des Deutschen Anwaltsverzeichnisses zu finden sind.

Bewerbungsschreiben

Wohlwissend, daß eine sorgfältig ausgearbeitete Bewerbung über eine positive Antwort entscheidet, habe ich mich eingehend mit den Erfordernissen einer Bewerbung in Frankreich auseinandergesetzt. Wichtig ist es, die jeweiligen Besonderheiten des Partnerlandes - das Bewerbungsschreiben und den Lebenslauf betreffend - zu berücksichtigen. Besonderer Wert wurde - wie mir später berichtet wurde - auf den Lebenslauf sowie eine ausführliche Motivationserklärung für das Praktikum gelegt. Unerläßlich ist selbstverständlich auch der Nachweis über sehr gute/gute Kenntnisse der französischen Sprache. Gute Sprachkenntnisse sind auch für die spätere Durchführung des Praktikums zwingend erforderlich, weswegen es wenig sinnvoll erscheint, das Praktikum lediglich als Möglichkeit zum Erlernen oder Auffrischen der Sprache anzusehen.

Suche nach einer Unterkunft

Mit dem Erhalt der positiven Antwort auf meine Bewerbung wurden neue Vorbereitungsmaßnahmen erforderlich, wobei die Suche nach einer Unterkunft sich wohl normalerweise am schwierigsten erweisen dürfte.

Der Wohnraum in Paris ist knapp und vor allem teuer, so daß man sich unbedingt rechtzeitig, d.h. mindestens ein halbes Jahr vor Antritt des Praktikums darum kümmern sollte. Als wohl preisgünstigste Variante besteht die Möglichkeit der Unterbringung in einem Studentenwohnheim.

Allerdings ist es dort oft schwierig, nur für eine kurze Zeit und im Studienjahr der Franzosen, d.h. von Oktober bis Juni, unterzukommen. Eine rechtzeitige Bewerbung ist daher innerhalb dieser Monate noch notwendiger. Als nützliche Adressen seien die folgenden genannt :

Ansonsten besteht noch die Möglichkeit, ein Studio zu mieten, was natürlich um einiges kostspieliger (nicht unter 3.000 FF pro Monat) und für eine kurze Aufenthaltsdauer ebenfalls schwierig zu finden ist. Wenden kann man sich diesbezüglich an die Mitwohnzentrale Ich persönlich hatte das Glück, über verwandtschaftliche Beziehungen vor Ort ein solches Studio zu finden. Eine solche Unterkunft am Puls der Stadt, wo man sich mitten unter Parisern befindet, macht den Aufenthalt natürlich noch zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Finanzierung

Schließlich stellt sich noch die Frage nach der Finanzierung des Aufenthalts. Da die Praktika natürlich meistens unbezahlt, die Lebenshaltungskosten in Paris sehr hoch sind und die Kosten für die "Heimatwohnung" zumeist weiter laufen, sind mit einem solchen Auslandsaufenthalt leider immer erhebliche Kosten verbunden.

Eine Möglichkeit der Finanzierungshilfe wird von der Deutsch - Französischen Juristenvereinigung (DFJ) in Zusammenarbeit mit dem Deutsch - Französischen Jugendwerk (DFJW) geboten. Diese vergeben Praktikumsstipendien für 1 - 3  monatige Aufenthalte im Partnerland, wobei die finanzielle Zuwendung eine Höhe von bis zu 1.200,- DM erreichen kann. Nähere Informationen sind zu erhalten bei der:

Die Kanzlei

Bei Rembauville, Bureau, Lescop & Associés handelt es sich um eine am bekannten Boulevard Haussmann gelegene Pariser Anwaltskanzlei, deren Arbeitsschwerpunkte im Transport- (See-, Luft- und Straßenweg), Handels-, Produkthaftungs-, Wirtschafts-, Internationalen Privat- und Vertragsrecht liegen.

Rembauville, Bureau, Lescop & Associés übt rechtsberatende Tätigkeiten aus und tritt als Prozeßanwalt vor nationalen Gerichten, dem Europäischen Gerichtshof und internationalen Schiedsgerichten auf. Rembauville, Bureau, Lescop & Associés verfügt über französische und internationale Klientel, wobei der Anteil der ausländischen Mandanten mehr als 30 % beträgt. Darunter befinden sich auch zahlreiche deutsche Mandanten in Frankreich und Deutschland.

Darüber hinaus arbeitet Rembauville, Bureau, Lescop & Associés eng mit Korrespondenzanwälten in ganz Europa zusammen.

Die Arbeit in der Kanzlei

Den vielfältigen Tätigkeitsbereichen entsprechend, gibt es ein breites Spektrum von für die Praktikanten anfallenden Aufgaben, wobei man eher mit französischem und internationalem als mit deutschem Recht zu tun hat.

Meine Tätigkeit erstreckte sich hauptsächlich auf den deutsch – französischen Rechtsbereich. Die von mir bearbeiteten Fälle entstammten dabei überwiegend den Bereichen des französischen Zivil-, Arbeits- und Versicherungsrechts.

Zumeist war ich damit beschäftigt, Entwürfe für Schriftsätze (immer in deutscher und französischer Sprache) anzufertigen und Recherchen durchzuführen. Im einzelnen habe ich u.a. an der Ausarbeitung eines arbeitsrechtlichen Vergleichsprotokolls und der Anfertigung verschiedener Vollmachten mitgewirkt.

Darüber hinaus hatte ich bei der Teilnahme an diversen Gerichtsverhandlungen Gelegenheit, den französischen Verfahrensablauf kennenzulernen.

Der Arbeitseinstieg in der Kanzlei wurde mir dadurch etwas leichter gemacht, daß ein französischer Jurastudent gleichzeitig mit mir ein Praktikum absolvierte. Das war für mich insbesondere deswegen von Vorteil, weil er mir zeigen konnte, wie man in Frankreich die Suche nach Rechtsprechung und Literatur betreibt.

Auch die Anwälte selbst waren dabei - sowie auch bei der Beantwortung sonstiger Fragen aller Art - gerne behilflich. Aber nicht nur insoweit war das Arbeiten sehr angenehm, sondern insgesamt herrschte ein freundliches Betriebsklima.

Was die Arbeitszeit betrifft, ist zunächst festzuhalten, daß eine tägliche Anwesenheit selbstverständlich gewesen ist. Die in Frankreich üblichen Arbeitszeiten weisen im Unterschied zu Deutschland eine deutliche Verlagerung in die Abendstunden auf.

Mir war es zwar weitgehend möglich, meine Arbeitszeit frei einzuteilen, doch immer nur unter der stillschweigenden – und für mich auch selbstverständlichen Prämisse -, daß die anfallende Arbeit möglichst zügig erledigt wird. Wer also an der strikten Einhaltung einer geringen Arbeitszeit interessiert ist, um so möglichst viel vom sonstigen Leben in Paris mitzubekommen, sollte sich lieber woanders umsehen.

Begeistert hat mich die Selbstverständlichkeit, mit der in meinen Augen den Praktikanten auch komplexe Aufgaben übertragen wurden, und die weitgehende Selbständigkeit mit der ich alle mir übertragenen Aufgaben ausführen konnte. Hervorzuheben ist zudem ist die sehr gute Betreuung, die ich durch den mich anleitenden Anwalt, Maître Lescop de Moÿ, erfahren habe. Während der gesamten Praktikumszeit hat er sich immer viel Zeit genommen, um meine Fragen zu beantworten, und mich in Rechts- und Sachverhaltsprobleme einzuführen bzw. diese zu vertiefen.

Das Leben in Paris

Selbstverständlich kam neben dem ausbildungsbezogenen Teil des Aufenthalts auch das gesellschaftliche und kulturelle Leben nicht zu kurz. Um einen guten Überblick über die zahlreichen Veranstaltungen zu bekommen, empfiehlt sich der Kauf des wöchentlich erscheinenden "Pariscope" oder des "Officiel du spectacle". Wie in jeder Metropole ist das Angebot so groß, daß man gar nicht erst versuchen sollte, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Gleiches gilt für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Selbst langjährige Einwohner dieser Stadt kennen nur einen Teil "ihrer" Attraktionen. Auch deshalb ergibt sich ein guter Grund wiederzukommen – was nach 2 Monaten Aufenthalt in Paris sowieso nicht ausbleibt...

Fazit

Insgesamt läßt sich sagen, daß das Praktikum in Paris einen sinnvollen Blick über den Tellerrand des deutschen Rechts geboten hat. Trotz der Kürze der Zeit ist es gelungen, einen schon recht detaillierten Einblick zum einen in das französische Rechtssystem, zum anderen in die Funktionsweise einer international operierenden Kanzlei zu erhalten. Zudem hat sich auch für mich bestätigt, daß sich die Nuancen einer fremden Sprache am besten im Ursprungsland erlernen lassen. Summa summarum stellt der Praktikumsaufenthalt für mich eine Erfahrung dar, die in jeder Hinsicht bleibende Eindrücke hinterlassen und nicht nur den juristischen, sondern auch meinen persönlichen Horizont erweitert hat.

 


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