Erfahrungsbericht
Deutsch-Französische Juristenvereinigung
Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte
Anwaltspraktikum bei Pernez in Paris - August 1998
von Corinne Mickel, Heidelberg
Auf der Suche
Zahlreiche Stimmen und Anregungen im Ohr, die Auslandserfahrung sei für den heutigen Studenten nahezu unentbehrlich, wollte ich diese These doch selbst einmal ausprobieren. Dazu kam die reizvolle Möglichkeit, die während des Studiums von der JAPrO geforderten Praktika auch außerhalb Deutschlands absolvieren zu können.
Da ich schon seit der Schulzeit von der französischen Sprache fasziniert bin, seit zwei Semestern auch innerhalb meines Jurastudiums an der Universität Heidelberg einführende Vorlesungen in das französische Recht besuche, dachte ich schon des längeren daran, eines meiner Praktika in Frankreich zu verbringen.
Auf der Suche nach Adressen französischer Juristen, die mich vielleicht aufnehmen würden, wies mich die Dozentin der Veranstaltung im französischen Zivilrecht auf einen Aushang der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung hin. Darin wurde auf die Förderungsmöglichkeit für Praktika und ähnliche Aufenthalte in Frankreich bzw. französischen Studenten in Deutschland aufmerksam gemacht.
Über die angegebene Kontaktadresse konnte ich mir eine Adressliste der Mitglieder der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung zuschicken lassen. Darin waren die Mitglieder besonders gekennzeichnet, die prinzipiell zur Aufnahme von Praktikanten bereit sind.
Per Fax fragte ich bei diesen an, ob sie in den kommenden Semesterferien noch Praktikanten aufnehmen würden. Schon Ende Februar waren einige der angeschriebenen Stellen bereits besetzt; leider erhielt ich aber nicht von allen überhaupt eine Antwort auf mein Schreiben. Von einer Kanzlei in Paris, die sich auf gewerblichen Rechtsschutz spezialisiert hat, erhielt ich jedoch prompt eine Zusage.
Terminabsprache und KostenBevor ich angefangen hatte, mich ernsthaft um die Wohnungssuche zu kümmern, löste sich auch dieses Problem. Schon von der Kanzlei hatte ich bei der Terminabsprache erfahren, daß für den Sommer noch ein weiterer Praktikant erwartet wurde. Dieser setzte sich, kurz nachdem der Termin für mein Praktikum feststand, mit mir in Verbindung, da er in Terminschwierigkeiten gekommen war.
Wir fanden eine Möglichkeit, unsere Termine zu arrangieren, und da er in der Zeit, die ich in Paris verbringen würde, seinen Urlaub geplant hatte, bot er mir an, seine Wohnung zur Zwischenmiete zu übernehmen.
Ein weiterer Vorteil der Terminänderung war für mich, daß ich mein Auto während meines Aufenthalts kostenlos auf einem Parkplatz an der Straße stehen lassen konnte, da diese im August wegen des erheblich geringeren Verkehrsaufkommens in Paris gebührenfrei genutzt werden können. Daneben muß jedoch leider bemerkt werden, daß die Lebenshaltungskosten in der französischen Hauptstadt recht hoch sind.
Eine wesentliche Unterstützung der Zeit war mir daher das Stipendium, das mir von der Deutsch-französischen Juristenvereinigung in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-französischen Jugendwerk für mein Praktikum gewährt wurde.
In der KanzleiIn der Kanzlei wurde ich unheimlich nett aufgenommen. Auch hier war teilweise zu spüren, daß ich im "toten Monat" August nach Paris gekommen war. Von den vier Anwälten der Sozietät waren zwei im Urlaub.
Die mich betreuende Anwältin nahm sich sehr viel Zeit für mich. Sie erzählte mir alles Wissenswertes über die Kanzlei und deren Arbeit, die auf Markenrecht spezialisiert ist. Den Sinn meines Aufenthalts und ihre Aufgabe betrachtete sie in erster Linie darin, mir einen Einblick in die praktische Arbeit der Kanzlei und das von ihr bearbeitete Rechtsgebiet zu geben. Immer von ausführlichen Erklärungen geleitet, beschäftigte ich mich vor allem mit dem Studium ausgewählter Akten.
Durch dieses lernte ich aber nicht nur Grundlagen des materiellen Markenrechts in Frankreich kennen, mit zahlreichen Nuancen der einzelnen Sachverhalte. Meine Betreuerin bemühte sich, mir auch andere Inhalte, wie etwa das prozessrechtliche Vorgehen, namens- und urheberrechtliche Probleme, Fragen der Rechtsnachfolge oder des Schadensrechts der Versicherungen, näher zu bringen.
Sehr viel Wert legte sie darauf, mich an der Routine der Anwaltstätigkeiten teilnehmen zu lassen. Vor allem in den ersten zwei Wochen war dabei von der angeblichen Sommerflaute nicht viel zu spüren. So hatte ich oft die Gelegenheit, bei Telefongesprächen anwesend zu sein, eingehende Briefe und Faxe, sowie die Antwortschreiben zu lesen bzw. anderweitige Reaktionen mitzuerleben.
Dadurch konnte ich einige der aktuellen Angelegenheiten mit verfolgen. Dabei erfuhr ich auch, wie wichtig es für den Anwalt ist, die Dringlichkeit seiner Aufträge abzuwägen, Fristen zu beachten – wohl nicht nur im "Droit des marques" von immenser Bedeutung – und seine Arbeit danach auszurichten. Im Kontakt mit Klienten müssen die laufenden Angelegenheiten präsent sein, rasches Umschalten und Geistesgegenwärtigkeit in der Konfrontation auch mit überraschenden Fragen und tatsächlichen Entwicklungen zeigten sich mir als notwendige Fähigkeiten des anwaltlich tätigen Juristen.
Besonders interessant war die Ankunft neuer Aufträge. Es erstaunte mich immer wieder von Neuem, mit welcher Umsicht auch scheinbar alltägliche Fragen und Fälle geprüft wurden, alle Einzelheiten des Falles abgewägt und mit bereits behandelten Angelegenheiten verglichen wurden.
Dabei war es immer wieder meine Aufgabe, kleine Recherchen auszuführen, die Behandlung eines Problems in Literatur und Rechtsprechung nachzulesen und aufzuarbeiten, oder mit älteren Akten Vergleiche zu ziehen. Auch die Übersetzung des Textes einer Vereinbarung zwischen einem Klienten und der Gegenpartei, welche eine Lizenz auf die Marke des Mandanten erhalten soll, durfte ich anfertigen.
Eindrucksvoll war auch, von der mich betreuenden Anwältin zu Gericht, den Palais de Justice, mitgenommen zu werden. Leider konnte ich zwar wegen der im August raren Gerichtstermine bei keiner Behandlung eigener Angelegenheiten dabei sein.
Doch begleitete ich Maître bei der Einreichung einer Klage, wobei sie mir die innere Organisation des Gerichts erklärte und die Gerichtsfächer der in Paris eingetragenen Anwälte zeigte. Noch immer sind das die "toques", was eigentlich die traditionellen Kopfbedeckungen der Anwaltskutten – etwas kleiner als Zylinder – bezeichnet. Da in diesen einstmals die Gelehrten auch ihre Post transportierten, ist der Ausdruck den Fächern des internen Briefverkehrs beibehalten geblieben.
Ein anderes Mal führte mich meine Betreuerin in die Gerichtsbibliothek, in welcher ich mit ihr eine Literaturrecherche zu einer anhängigen Akte durchführte.
Eine weitere sehr wichtige Stelle für die Arbeit der Kanzlei ist das französische Patentamt, das INPI. Als ich das erstemal zu einer Erledigung dorthin mitgehen konnte, wurde mir gezeigt, wo Gebühren zu zahlen und Anträge, Widersprüche gegen neue Markenanmeldungen oder sonstige offiziellen Schriftsätze abzugeben sind. Außerdem befindet sich im Patentamt eine Bibliothek, die auf das "Droit de la propriété intellectuelle" spezialisiert ist, d.h. auf das Marken-, Patent-, Urheberrecht und das Recht an Modellen und Zeichnungen, sowie die Veröffentlichung sämtlicher Marken im nationalen, unionsweiten und internationalen Raum.
Anschließend durfte ich einige Male allein zum Patentamt, um eigene Markenanmeldungen, wie auch Widersprüche gegen die Marken von Konkurrenten abzugeben, Recherchen bzgl. veröffentlichter Marken durchzuführen oder eine Generalvollmacht für einen Mandanten registrieren zu lassen. Letzterer bedürfen die französischen Anwälte zur Vertretung ihrer Mandanten in Markenstreitigkeits-Verfahren "ungerechterweise" im Gegensatz zu den sogenannten Patentanwälten, die kein volles Jurastudium, sondern eine spezielle Ausbildung im gewerblichen Rechtsschutz haben.
FazitAus meiner Zeit in Paris werde ich nicht nur den Eindruck der französischen Lebensauffassung, der eigenen "facon de vivre", mitnehmen. Trotz Großstadttrubel, Hektik und Streß behalten die Franzosen eher die Ruhe im Alltag. Arbeiten – ja, aber niemals ganz vergessen, auch mal locker zu lassen, sich zu entspannen, sich etwas Gutes zu gönnen, sei es ein Schwätzchen mit Freunden oder ein schönes Essen (oder beides).
Daneben fiel mir auf, wie bewußt und stolz die französischen Juristen oft in ihrem Beruf noch sind. Dem "Maître" wird mit Achtung begegnet. Formvorschriften wie die Kleiderordnung und die Schweigepflicht werden viel strenger als von deutschen Kollegen beachtet. Nach "meiner" Anwältin wäre es z.B. undenkbar, daß ein agierender Anwalt sich seine Kutte im Gerichtssaal überzieht. Auch die extreme Verschwiegenheit, die etwa sogar den Austausch von Briefen unter Anwaltskollegen verbietet, sei in Kontakt stehenden deutschen Juristen oft nur schwer verständlich.
Insgesamt bin ich sehr froh, die Idee des Auslandspraktikums verwirklicht zu haben. Sicher hatte ich Glück, aber was jeder von ähnlichen Aufenthalten mitnehmen können wird, sind wohl die Erfahrungen einer anderen Mentalität, einer großartigen Stadt und das Hineinschnuppern in eine andere Rechtsordnung. All das läßt einen die eigene Umgebung stück- und zeitweise differenzierter, reflektierter und oft klarer erleben – für mich ein tolles Gefühl.
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