Erfahrungsbericht

Deutsch-Französische Juristenvereinigung


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Anwaltspraktikum bei ASA in Paris 1999

Gerichtstermine und Pariser Flair

von Michael Littger, Würzburg

 

Nach meinem 4. Fachsemester absolvierte ich in der vorlesungsfreien Zeit des WS 1998/99 ein Praktikum im Pariser Büro der französischen Rechtsanwaltskanzlei "ASA – Avocats Associés". Die Kanzlei beschäftigt insgesamt etwa 50 Anwälte, davon 15 im Pariser Büro. Die Erfahrungen, die ich während des Praktikums in juristischer Hinsicht einerseits sowie im sozialen und kulturellen Umfeld der Stadt Paris andererseits gemacht habe, sind ein Höhepunkt des bisherigen Studiums.

Die Idee zu diesem Praktikum

Die bayerische Prüfungsordnung sieht als Zulassungsvoraussetzung zum 1. Staatsexamen vor, dass insgesamt drei Monate "praktische Studienzeit" geleistet wurden. In diesem Rahmen wollte ich schon von Beginn des Studiums an ein Praktikum im Ausland absolvieren, um dort Einblick in andere Arbeitsweisen, die Praxis einer anderen Rechtsordnung, das juristischen Vokabular einer anderen Sprache sowie in das Flair einer ausländischen Stadt als Praktikant zu bekommen.

Nachdem ich mein erstes Praktikum in einer deutschen Anwaltssozietät absolviert hatte, und somit immerhin schon eine ungefähre Ahnung hatte, wie sich diese Tätigkeit in Deutschland gestaltet, ergriff ich vor etwa einem Jahr die Initiative für ein Praktikum in Frankreich. Auf Frankreich fiel die Wahl zum einen, da ich mich hierdurch selbst zu einer intensiven Sprachvorbereitung verpflichtete, die ich bei Frankreichbesuchen – zu Gunsten der englischen Sprachpraxis – bisher vernachlässigt hatte. Zum anderen erschien mir jede Möglichkeit zur Begegnung mit der frz. Sprache sowie dem frz. Recht als nützliche Erfahrung angesichts deren Bedeutung sowohl in der Europäischen Union als auch der engen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen beiden Ländern.

Die Vorbereitung

Zunächst bemühte ich mich um die Anschrift von Anwälten in Frankreich. Ich stieß auf die Homepage der DFJ e.V. und forderte die Mitgliederbroschüre an. Bald hatte ich aus dieser Broschüre etwa 12 Juristen ausgewählt, die sich dort bereit erklärten, auch Praktikanten vor ihrem 1. Examen zu nehmen. Mein Bewerbungsschreiben unterschied sich kaum von denen an deutsche Unternehmen, insbesondere waren sie in deutscher Sprache geschrieben. Dies erlaubte mir zunächst eine klarere Ausdrucksweise, vor allem aber würde eine Zusage in diesem Fall bedeuten, daß ich dort nicht nur auf meine noch ausbaufähigen Französischkenntnisse angewiesen wäre: von 12 Bewerbungen kamen 7 Absagen und 5 Zusagen. (Die positive Resonanz war möglicherweise auf zwei Zeugnisse zurückzuführen, in denen mir einmal die Teilnahme zur Einführung in das frz. Privatrecht, einmal meine Französischkentnisse anhand eines DAAD-Zeugnismusters bescheinigt wurden.) In einem weiterem Schreiben erkundigte ich mich nach den Schwerpunkten der juristischen Tätigkeiten. So entschied ich mich schließlich für die Kanzlei Avocats Associés – ASA in Paris, deren Spezialgebiet das (internationale) Wirtschaftsrecht und die durch ihren Senior, Herrn Dr. Friedrich Niggemann einen besonderen Bezug zu Deutschland hält.

Nach der Zusage des Praktikums, also etwa ein halbes Jahr vor dem Antritt, ließ ich mir etwas (zu viel) Zeit, um nach einer Unterkunft in Paris Ausschau zu halten: Um einen Platz in einem der Pariser Studentenwohnheime zu erhalten, hätte ich mich ein halbes Jahr vorher anmelden müssen. Die Möglichkeit, auch kurzfristiger eine Unterkunft zu erhalten, bietet sich durch Vermittlung des Pariser Goethe-Instituts. Allerdings muß man für diesen Service vorort erscheinen. Nachdem ich zunächst in einem sehr billigen Hotel in Paris wohnte, habe ich dann tatsächlich über das Institut eine wunderbare Wohnung in recht zentraler Lage erhalten, deren Miete sich sogar fast gänzlich mit dem Stipendium der DFJ bestreiten ließ.

Der Antritt des Praktikums

Der Weg zur Kanzlei hatte etwas besonders: er führte am Louvre vorbei in die Metrostation und dann wieder heraus über die Champs-Elysee in eine Parallelstraße, hinter deren wunderschönen Fassaden sich vor allem feine Boutiquen und Kanzleien niedergelassen haben. Drei Tage vor dem Antritt hatte ich per email die Uhrzeit meines Erscheinens angekündigt. Zum einen erinnerte ich somit noch einmal an mein Erscheinen – immerhin hatte der letzte Briefkontakt ein halbes Jahr zurückgelegen. Zum anderen konnte der Anwalt dann zeitlich ein Gespräch zur Begrüßung besser einplanen.

Außer mir waren noch drei weitere Praktikanten in der Kanzlei, von denen mein Anwalt aber nur einen betreute. In dem ersten Gespräch, beschrieb ich meine Erwartungen, die ich an das Praktikum knüpfte. Daß ich mich auf diese Frage vorbereitet hatte war zum einen deshalb gut, weil es dem Anwalt Ideen und Hinweise gab, mit was er mich "beschäftigen könnte" wie er es nannte. Zum anderen zeigte es, daß ich überhaupt eigene Vorstellungen hatte und das Praktikum mitgestalten wollte. Zur Einteilung der Arbeitszeiten ließ er mich frei gewähren, erwartete aber ein An- und Abmelden bzw. einen Bescheid darüber, wenn ich mal einen Tag frei nehmen wolle. Schließlich wurde noch einmal klargestellt, daß das Praktikum unentgeltlich sei – ein Nachteil, den die frz. Praktikanten dort im übrigen nicht teilten !

Meine Tätigkeiten

In der Mehrheit der internationalen Rechtsstreitigkeiten vertritt ASA eine deutsche Partei. Wurde ich also von einem der Anwälte mit der Ausarbeitung der relevanten Rechtsfragen eines solchen Falles betraut, dann stellte sich zuerst die Frage, welches Recht anwendbar ist, also eine Frage des Internationalen Privatrechts und damit eines Rechtsgebietes, daß mir bis dahin noch sehr wenig sagte. Aber unter der fantastischen Motivation, durch das Verstehen dieser Rechtsfragen anhand einer Lehrbuchlektüre ein Rechtsproblem in der Wirklichkeit und nicht nur zu Übungszwecken gelöst zu haben, erhöhte sich meine Aufnahmebereitschaft beachtlich und ich bekam bestätigt, daß es schließlich zur korrekten Lösung der vorgelegten Rechtsfragen ausreichte. Dazu trugen allerdings auch gewisse Erläuterungen der Avocats bei, mit denen ich die relevanten Rechtsfragen zum Teil auch ausführlich besprach. Außer dem Internationalen Privatrecht eröffneten sich dann Fragen aus allen Rechtsgebieten, die in der Wirtschaft eine Relevanz haben, also das Arbeitsrecht, Handelsrecht, Gesellschaftsrecht etc.. Als besonders Lehrreich empfand ich auch einen Fall, in dem unter anderem eine Jahresbilanz Gegenstand der juristischen Prüfung war. Dieses Erfordernis nahm ich zum Anlaß, mir – wiederum durch Lehrbuch sowie den Erläuterungen des Anwalts – eine Einführung in das Lesen von Bilanzen zu ermöglichen. Außerdem fertigte ich Übersetzungen von Gerichtsurteilen, Briefen, Satzungen etc. an. Hier hatte ich das sehr motivierende Gefühl, etwas zu leisten, von denen auch die Avocats tatsächlich profitieren würden.

Ein weitere Bereich Tätigkeitsbereich ergab sich aus der Aufgabe einiger Anwälte sowohl als Richter, als auch Partei in Rechtsverfahren vor der International Chamber of Commerce (ICC). Der Prozeß im ICC-Verfahren hat heute bei internationalen Streitigkeiten eine hohe Bedeutung gewonnen. Sein Verfahren ist mir im Laufe der Zeit insbesondere durch die jeweiligen Aktenstudie und die Teilnahme an den Terminen im Verfahren nahegebracht worden. Hier erstellte ich schließlich sogar mal einen Gutachtenentwurf, den der entsprechende Avocats dann teilweise korrigierte und mit mir besprach.

Durch die Teilnahme an Gerichtsterminen lernte ich nicht nur die unterschiedlichen, prächtigen Justizgebäude auf der ‚Ile de la Cité‘ kennen, sondern ebenso die ungefähre richterliche Planung von Gerichtsterminen, die das Warten von 2 Stunden für etwa eine 5-minütige Gerichtssitzung keine Seltenheit werden lassen.

Insgesamt habe ich mein Tätigkeitsfeld als recht umfangreich empfunden. Dazu kamen hervorragende Arbeitsbedingungen in einem eigenen Büro mit allem drum und dran. Das Klima in der Kanzlei war angenehm, die zu feiernden Geburtstage häufig und der Kaffee war auch immer vorhanden.

Resümee

Obwohl ich an manchen Tagen bis zu zehn Stunden in der Kanzlei verbrachte, nutzte ich die übrige Zeit sehr intensiv für die Erkundung der Stadt Paris. Mit dem Deutsch- Französischen Sozialausweis, der bei jedem deutschen Studentenwerk zu erwerben ist, genießt man bei den Eintrittspreisen die gleiche Ermäßigung wie frz. Studenten. Ansonsten kann ich empfehlen, von Anfang an auch den Kontakt zu Parisern, zum Beispiel über andere Praktikanten in der Kanzlei zu knüpfen. Lernt man das wahre Pariser Flair jenseits von Museum und Eiffelturm doch erst durch die gemeinsamen Abende mit den Franzosen selbst kennen.


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