Erfahrungsbericht
Deutsch-Französische Juristenvereinigung
Sammlung der DFJ | Erfahrungsberichte
Anwaltspraktikum
bei Hertslet-Wolfer-Bissinger-Heintz in Paris 1999
von Martin Sebastian Eßer, Bonn
Der folgende Bericht befaßt sich mit meinen Praktikum in einer Pariser Anwaltskanzlei, welches dankenswerter Weise mir Mitteln des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) über die Deutsch-Französische Juristenvereinigung (DFJ) gefördert wurde.
- Einleitung
- Das Anwaltspraktikum (Vorbereitungen und Verlauf des Praktikums)
- Leben im Gastland - Die Metropole Paris
- Wohnen
- Fazit
Zunehmend wird Wert auf eine über die Grenzen des eigene Landes hinaus orientierte Ausbildung gelegt. Nicht allein zum Erwerbs von fachspezifischen Sprachkenntnissen, sondern auch um einen Einblick in die Rechtsordnung eines anderen Landes zu gewinnen, bietet sich ein Auslandspraktikum für Jurastudenten an. Eines der Pflichtpraktika, die während des Studiums zu absolvieren sind, kann zu diesem Zwecke genutzt werden .
Allerdings sind vor der Durchführung einige Hürden zu nehmen, so daß man leicht vor einem solchen Projekt zurückschrecken mag. Zunächst wird jeder Interessierte für sich entscheiden, in welchem Verhältnis bei einem solchen Vorhaben die Anstrengungen bei den Vorbereitungen zum Nutzen stehen, wo doch die Möglichkeit ein Praktikum in Deutschland zu absolvieren sehr viel näher liegt. Daß aber ein Praktikum im Ausland auf jeden Fall lohnenswert sein kann, möchte der folgende Bericht aufzeigen.
Vorbereitungen
Das Praktikum schloß sich an mein einjähriges Studium des französischen Rechts an der Faculté Jean Monnet, Université Paris XI im année universitaire 1997/98 an. Dort hatte ich u. a. die Fächer droit civil, administratif, européen belegt und daher bereits Grundkenntnisse im französischen Recht und der Rechtsterminologie erworben, die mir während des Praktikums von Nutzen waren. Um diese Kenntnisse zu vertiefen und auch zur Anwendung zu bringen, entschloß ich mich dazu, ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei zu absolvieren.
Ungefähr ein Jahr vor Praktikumsantritt habe ich mit den praktischen Vorbereitungen begonnen. Es galt zunächst eine geeignete Kanzlei zu finden, die auch bereit ist, einen deutschen Jurastudenten aufzunehmen. Dies schien mir in Paris am einfachsten und so warf ich einen ersten Blick in die Pages Blanches, das Telefonbuch, was sich mir als wenig hilfreich erwies. Häufig hatten die zufällig ausgewählten französischen Kanzleien kein Interesse an einem ausländischen Praktikanten. Das Interesse verschwand oft nach der ersten Frage, mit der man sich erkundigte, welches "Diplôme" ich denn bereits erworben hätte. Aufgrund unseres Ausbildungssystems, an dessen Ende die Staatsexamen stehen, mußte ich antworten, daß ich noch kein "Diplôme", also noch keinen Abschluß habe. (Im Jurastudium in Frankreich erwirbt man nach und nach "Diplômes", wie das DEUG, die Licence und die Maitrise.) Daher kam ich für viele als geeigneter Praktikant nicht in Frage.
Ich entschied mich daraufhin, mich mehr auf den deutsch-französischen Bereich zu konzentrieren und suchte eine Kanzlei, die sich auf diesen Bereich spezialisiert hat. Über die Deutsche-Französische Handelskammer (18, rue Balard; 75015 Paris, Tel 01.40.58.35.35 Fax 01.45.75.47.39, www.cfaci.fr) habe ich eine Adressenliste mit Anwälten in Paris erhalten können. (Die Deutsch-Französische Juristenvereinigung, www.dfj.org, verfügt ebenfalls über ein Verzeichnis mit Adressen.)
Als nächsten Schritt mußte ich mich mit den Anforderungen, die an eine Bewerbung in Frankreich gestellt werden vertraut machen. Sehr große Bedeutung hat der Lettre de motivation, und auch für den Curriculum Vita müssen Besonderheiten beachtet werden. Schließlich konnte ich einen Praktikumsplatz in der Kanzlei Hertslet-Wolfer-Bissinger-Heintz im 16. Arrondissement finden.
Die theoretische Vorbereitung bestand in der Lektüre von Fachliteratur über das französische Recht. Hier sei besonders die Einführung in das französische Recht von Hübner/Constantinesco erwähnt (3. Auflage; München 1994). Darüber hinaus gibt es auch einführende Werke, die sich speziell mit dem Zivilrecht befassen, wie zum Beispiel Das französische Zivilrecht von G.E. Hubrecht; Berlin 1974. Natürlich kann man auch vor Ort günstig Vorauflagen französischer Lehrbücher erstehen, allerdings fällt damit der Einstieg in das Rechtsgebiet schwerer. Bei der Orientierung im Rechtssystem hilft ein Wörterbuch zum Rechtsfranzösisch von Doucet/Fleck München 1997), welches die französischen Rechtsbegriffe auf Deutsch erklärt oder ein französisches Lexikon der Termes juridiques.
Der Verlauf des Praktikums
Die Kanzlei Hertslet-Wolfer-Bissinger-Heintz (HWBH), im Pariser Westen zwischen der Avenue de Grande Armée und er Avenue Foch gelegen, hat vier Associés und 12 angestellte Anwälte, teilweise mit einer Zulassung in Deutschland und Frankreich. Die Mehrzahl der Anwälte sind Franzosen, der Kanzlei gehören aber auch Anwälte aus Luxemburg und der Schweiz an. Die Arbeitsschwerpunkte der Kanzlei liegen auf dem Arbeitsrecht, dem Handels- und Gesellschaftsrecht, dem Markenrecht und dem Internationalen Privatrecht. Die Klientel ist international, darunter auch Deutsche in Frankreich und Deutschland.
Als Praktikant war ich keinem der Anwälte fest zugeteilt, sondern konnte mich selbständig an die Anwälte, die unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte haben wenden, um sie um eine Aufgabe bitten. Zu diesem Zweck hat sich Maître Bissinger an meinem ersten Tag die Zeit genommen, mich durch die Kanzlei zu führen und mir seine Kollegen vorzustellen.
Nach und nach habe ich dann Recherchen im französischen und deutschen Zivilrecht, im Markenrecht und im internationalen Privatrecht vorgenommen. Teilweise mußte man trotz der gut ausgestatteten Bibliothek der Kanzlei auf andere Quellen zurückgreifen, so zum Beispiel auf die Bibliothek des Institut de Droit comparé de France, die Nationalbibliothek, Site François Mitterand oder die Industrie- und Handelskammer von Paris.
Glücklicherweise war ich nicht der einzige Praktikant, und die französischen Studenten, die mit mir ein Praktikum absolvierten konnten mir erklären, wo ich nach Rechtsprechung und Literatur recherchieren muß.Ich durfte vorwiegend Fälle mit einem Bezug zu Deutschland bearbeiten und Entwürfe zu Schriftsätzen, Rechtsgutachten und Korrespondenz an Mandanten und Anwälte erstellen.
Besonders begeistert hat mich dabei, daß mir die gleichen Arbeitsaufträge gegeben wurden wie den französischen Mitpraktikanten, und daß sich die Anwälte bei Verständnisfragen meinerseits ganz selbstverständlich die Zeit dazu genommen haben, Erklärungen und Hilfestellungen zu geben. Es herrschte daher ein sehr angenehmes Klima und ich kam mir vor allem nicht überfordert vor.
Besonders interessante Erfahrungen waren die Besuche von Gerichtsverhandlungen, wobei allein schon die Gerichtsgebäude in Paris beeindruckend sind, sowie die sehr bürokratische Arbeitsweise der französischen Behörden (dem Patentamt), die ich bei der Erledigung von Formalitäten im Auftrag der Anwälte kennenlernte.
Es wurde von allen Praktikanten die tägliche Anwesenheit und die zügige Bearbeitung der Aufgaben vorausgesetzt. Die Arbeitszeit war von 9 Uhr bis 18 Uhr, teilweise abends auch länger, wenn es wichtige Aufgaben zu erledigen galt. Einen Nachteil sollte man bei der Arbeitszeit nicht übersehen: Zusammen mit der Zeit für die Hin- und Rückfahrt zur Kanzlei mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bleibt in der Woche nicht viel Zeit zum Erkunden von Paris. Wer also gerne etwas Urlaub in Paris verbringen möchte, sollte dies nicht für die Praktikumszeit einplanen.
Leben im Gastland - Die Metropole Paris
Das Paris ein unglaublich großes und reichhaltiges kulturelles Angebot bietet, muß nicht gesagt werden, vielmehr muß man beklagen, daß man nicht ausreichend Zeit hat, alle Angebote wahrzunehmen.
Für Oper und Konzerte kann man als Student fast immer günstige Karten kurz vor Veranstaltungsbeginn erhalten, und viele der Museen verlangen am 1. Sonntag des Monats keinen Eintritt. Um sich über die zahlreichen Veranstaltungen zu informieren empfiehlt sich der Kauf des wöchentlich erscheinenden Pariscope oder Officiel du spectacle, der einen guten Überblick enthält.
Für diejenigen, der am Wochenende der Großstadt entfliehen möchten, bietet sich ein Besuch der zahlreichen Sehenswürdigkeiten in der Normandie und Bretagne an. Aber auch die Region Île-de-France bietet viele besuchenswerte Ziele, dabei kann man vom guten öffentlichen Verkehrsnetz der Region profitieren.
Eine schlechte Nachricht ist, daß die Zimmersuche in Paris nicht einfach ist. Die gute Nachricht ist, daß man jedoch viele Möglichkeiten hat, wenn man sich früh genug bemüht. Besonders ab Ende August/Anfang September ist der Ansturm auf die Zimmer sehr groß, weil das année universitaire für die französischen Universitäten im Oktober beginnt.
Für private (möblierte) Zimmer empfiehlt sich als Anlaufpunkt das Schwarze Brett des Goethe Instituts (2x in Paris: 17, Avenue d’Iéna und 31, Rue Condé).
Wer sich mehr für die in Frankreich seltener anzutreffende Form der Wohngemeinschaft interessiert, der sei auf die Aushänge der Amerikanischen Kirche; Èglise américaine; 65, quai d’Orsay; 75007 Paris verwiesen.
Eine Anfrage wert ist auch auf jeden Fall das zur Université de Paris gehörende und mit Blick auf den Jardin du Luxemburg im Quartier Latin gelegene Wohnheim Foyer International des étudiantes (in den Sommermonaten für Studentinnen und Studenten geöffnet, das restliche Jahr nur für Studentinnen; F.I.E.; 93, Boulevard Saint Michel; 75005 Paris, Tel 01.43.54.49.63).
Der DAAD hat eine Broschüre mit dem Titel "Unterkunftsmöglichkeiten in Frankreich" herausgegeben (DAAD, Kennedyallee 50, 53175 Bonn) und auch die Pariser Zeitungen (La semaine immobilière montags, J’annoce, mittwochs, De particulier à particulier donnerstags) können hilfreich sein.
Ich wollte gerne in der Stadt selbst wohnen und nicht in der Banlieu von Paris, zumal ich nur für kurze Zeit dort sein sollte. Im Heinrich-Heine-Haus, dem deutschen Haus in der Cité Internationale Universitaire von Paris, in deren insgesamt 37 Häusern etwa 5.000 Studenten aus aller Welt leben, konnte ich ein Zimmer bekommen. Fast alle Häuser der Cité vermieten ihre Zimmer auch für kürzere Aufenthalte. Die Anfragen sind an das jeweilige Haus selbst zurichten. Die Adressen findet man am einfachsten unter: www.ciup.fr oder indem man an die Cité Internationale Universitaire de Paris; Fondation nationale; 19, Boulevard Jourdan; 75014 Paris schreibt. Die Adresse des deutschen Hauses lautet: Maison Heinrich Heine; 27C, Boulevard Jourdan; 75014 Paris oder www.maison-heinrich-heine.org. Auf Zimmerpreise zwischen DM 650,- und DM 1.000,- sollte man sich je nach Lage und Komfort einstellen. Hinzu kommt noch eine Wochen- oder Monatskarte für das Verkehrsnetz von monatlich ca. DM 70,-.
Die Suche nach einer geeigneten Bleibe verläuft zwar nicht immer reibungslos, jedoch bietet auch sie eine Möglichkeit, das Gastland und seine Gepflogenheiten besser kennenzulernen.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß sich ein Praktikum auf jeden Fall lohnt. Es ermöglicht einerseits einen interessanten Einblick in das französische Recht, die Feinheiten der französischen Sprache und Rechtsterminologie, und andererseits können die sozialen Kontakte, die man während eines Praktikums knüpft für spätere Projekte, wie etwa die Wahlstation in der Referendarausbildung sehr wertvoll sein.
Bei allen Bewertungen sollte man nicht vernachlässigen, daß man seinen eigenen Horizont durch die Teilnahme am "Leben" in einem anderen Land sehr erweitert, und sich ein Praktikum als eine persönliche Erfahrung als sehr wertvoll erweist.
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